Südafrika startet wegweisendes Pilotprojekt zur Vier-Tage-Woche in wirtschaftlichen Zentren ab Januar 2026

Bearbeitet von: Tatyana Hurynovich

Südafrika steht an der Schwelle zu einer tiefgreifenden Transformation seiner Arbeitskultur. Ab Ende Januar 2026 wird das Land ein umfassendes, sechsmonatiges Pilotprojekt zur Erprobung der Vier-Tage-Woche einleiten. Dieses wegweisende Experiment wird mehr als 150 private Unternehmen und staatliche Institutionen in den drei wirtschaftlich bedeutendsten Regionen des Landes – Gauteng, KwaZulu-Natal (KZN) und das Westkap – einbeziehen. Das primäre Ziel dieser Initiative ist die empirische Validierung des sogenannten 100:80:100-Modells. Dieses Konzept sieht vor, dass Arbeitnehmer 100 % ihres Gehalts beziehen, während ihre Arbeitszeit auf 80 % reduziert wird, unter der strikten Voraussetzung, dass die Produktivität bei 100 % stabil bleibt.

Die strategische Leitung des Projekts liegt in den Händen des Ministeriums für Beschäftigung und Arbeit sowie der Kommission für Produktivität (Productivity SA). Die aus diesem Testlauf gewonnenen Daten sollen als essenzielle Grundlage für künftige Reformen der nationalen Arbeitsgesetzgebung dienen. Das aktuelle Vorhaben stützt sich dabei auf die wertvollen Erkenntnisse eines vorangegangenen Pilotprojekts, das zwischen März und August 2023 durchgeführt wurde. An diesem ersten großangelegten afrikanischen Versuch nahmen 28 südafrikanische Firmen und ein Unternehmen aus Botswana teil. Die Resultate waren bemerkenswert: Beeindruckende 92 % der teilnehmenden Organisationen erklärten nach Abschluss der Testphase ihre Absicht, die Vier-Tage-Woche dauerhaft in ihren Betriebsalltag zu integrieren.

Die statistischen Auswertungen des vorangegangenen Versuchs unterstreichen das enorme Potenzial dieser Arbeitszeitreform. Während der Pilotphase verzeichneten die beteiligten Unternehmen eine durchschnittliche Steigerung ihres Umsatzes um 10,5 %. Parallel dazu sank die Mitarbeiterfluktuation signifikant um 11 %, und die krankheitsbedingten Fehlzeiten verringerten sich um 9 %. Professor Mark Smith von der renommierten Stellenbosch Business School, der die wissenschaftliche Begleitung der lokalen Studie leitete, hob hervor, dass die Ergebnisse eine harmonische Verbindung von Vorteilen für beide Seiten aufzeigten. Neben einer deutlichen Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens der Belegschaft führte das Modell auch zu einer spürbaren Optimierung der internen Arbeitsabläufe und Organisationsstrukturen.

Im Rahmen des für 2026 geplanten sechsmonatigen Testlaufs werden die Wochenarbeitszeiten der Teilnehmer üblicherweise zwischen 32 und 36 Stunden liegen. Obwohl der Freitag in vielen globalen Modellen als bevorzugter freier Tag gilt, förderte der erste südafrikanische Pilotversuch spezifische regionale Herausforderungen zutage. Tatsächlich entschied sich weniger als ein Viertel der Angestellten für den Freitag als arbeitsfreien Tag. Experten führen dies auf diverse sozioökonomische Faktoren zurück, darunter die Notwendigkeit für zusätzliche Einkommensquellen durch Nebenjobs, begrenzte digitale Verwaltungsmöglichkeiten sowie infrastrukturelle Hürden im öffentlichen Verkehrssystem. Dies verdeutlicht, dass internationale Arbeitszeitmodelle nicht eins zu eins übernommen werden können, sondern präzise an die lokalen Gegebenheiten Südafrikas angepasst werden müssen.

Die flächendeckende Implementierung einer verkürzten Arbeitswoche ist jedoch untrennbar mit komplexen juristischen Fragestellungen verbunden. Das geltende Gesetz über grundlegende Beschäftigungsbedingungen (Basic Conditions of Employment Act) definiert derzeit eine maximale Norm von 45 Arbeitsstunden pro Woche. Eine formale Umstellung auf eine Vier-Tage-Woche würde daher weitreichende gesetzliche Korrekturen erfordern. Wirtschaftsexperten weisen zudem darauf hin, dass das Modell für Beschäftigte im Mindestlohnsektor problematisch sein könnte, falls die Reduzierung der Stunden nicht durch eine entsprechende Anhebung der Stundenlöhne kompensiert wird. Zudem bestehen berechtigte Bedenken hinsichtlich der Umsetzbarkeit in Sektoren, die eine kontinuierliche physische Präsenz erfordern, wie etwa in der Bauindustrie oder im Bergbau.

Ein zentraler Aspekt der Untersuchung durch die Kommission für Produktivität und das Arbeitsministerium wird die Resilienz des 100:80:100-Modells gegenüber systemischen Krisen sein. Insbesondere soll analysiert werden, wie die verkürzte Arbeitszeit mit der chronischen Instabilität der Stromversorgung, dem sogenannten „Load Shedding“, harmoniert. Da das Mandat der Kommission die Steigerung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit umfasst, ist die Analyse dieser Wechselwirkungen von strategischer Bedeutung. Der Erfolg dieses erweiterten Pilotprojekts, das sowohl den privaten Sektor als auch staatliche Stellen in den großen Wirtschaftszentren abdeckt, wird somit zum entscheidenden Barometer für die künftige Gestaltung des südafrikanischen Arbeitsmarktes und dessen gesetzliche Rahmenbedingungen.

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Quellen

  • Economia

  • 4 Day Work Week South Africa (2026) - 4dayweek.io

  • Four-day workweek pilot in South Africa: surprising results in trial

  • The 4 Day Week South Africa Pilot Program Results

  • Four-day workweek pilot in SA an unexpected success - The Citizen

  • World of HR: South Africa tries a four-day workweek

  • Four-Day Work Week Trials Launch in Gauteng KZN and Western Cape From January 2026

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