Deutschland: Ökonomen fordern Steuer- und Rentenreformen angesichts des massiven Fachkräftemangels

Bearbeitet von: Tatyana Hurynovich

Die Bundesrepublik Deutschland steht vor einer tiefgreifenden strukturellen Herausforderung auf dem Arbeitsmarkt, die durch den unaufhaltsamen demografischen Wandel befeuert wird. Prognosen deuten darauf hin, dass dem Land in den kommenden fünfzehn Jahren aufgrund der alternden Bevölkerung bis zu sieben Millionen Arbeitskräfte fehlen könnten, was den derzeitigen Lebensstandard ernsthaft gefährdet. In der öffentlichen Debatte rückt die Kritik an einer vermeintlichen Vorliebe für Teilzeitmodelle zunehmend in den Hintergrund, während die Forderung nach dringenden systemischen Transformationen lauter wird.

Ökonomen beobachten mit großer Sorge den massiven Renteneintritt der Babyboomer-Generation sowie den historisch hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigung. Die statistischen Erhebungen für das Jahr 2025 verdeutlichen die Tragweite dieser Entwicklung: Im zweiten Quartal 2025 kletterte die Teilzeitquote erstmals über die 40-Prozent-Marke auf einen Rekordwert von 40,1 %, ein Niveau, das sich auch im dritten Quartal festigte. Dies stellt einen drastischen Gegensatz zu den 1990er-Jahren dar, als reduzierte Arbeitszeiten noch die Ausnahme bildeten. Bis September 2025 stieg die Zahl der Teilzeitbeschäftigten auf insgesamt 11.910,50 Tausend Personen an.

Während die Politik nach Wegen sucht, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, identifizieren Experten vor allem fiskalische Hürden als Bremsklotz. Dominik Grol vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) argumentiert, dass für viele Arbeitnehmer Mehrarbeit finanziell kaum attraktiv ist, da hohe Steuersätze und Sozialabgaben den Mehrverdienst schmälern – insbesondere im Niedriglohnbereich. Führende Wirtschaftsinstitute plädieren daher für eine umfassende Reform des Steuer- und Transfersystems. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schlägt vor, die Steuerlast auf Zusatzeinkommen auf 30 % zu begrenzen, was das Potenzial hätte, Hunderttausende neue Stellen zu mobilisieren.

Ein erhebliches Reservoir an Arbeitskraft sieht Robert Grundke, Leiter der Deutschland-Abteilung bei der OECD, in der Gruppe der älteren Erwerbstätigen. Er betont die Notwendigkeit, flexiblere Arbeitsbedingungen und gezielte Weiterbildungsmöglichkeiten zu schaffen, um diese Gruppe länger im Berufsleben zu halten. Grundke schlägt zudem eine radikale Senkung der Grenzsteuersätze für Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen vor. Zur Finanzierung dieser Maßnahmen empfiehlt er den Abbau von Steuerprivilegien bei Kapitalerträgen, Erbschaften und der Mehrwertsteuer sowie eine effizientere Steuerfahndung.

Die Rentenfrage bleibt ein hochexplosives Thema, da Deutschland im EU-Vergleich über die älteste Erwerbsbevölkerung verfügt, was das umlagefinanzierte System unter enormen Druck setzt. Dominik Grol regt an, die abschlagsfreie Rente mit 63 abzuschaffen und das Renteneintrittsalter stattdessen an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Dies ist eine Reaktion auf die demografische Realität, laut der bis Mitte der 2030er-Jahre voraussichtlich nur noch 1,5 Beitragszahler auf einen Rentner kommen werden.

Zusammenfassend sind sich Wirtschaftsexperten einig, dass die Beseitigung von Fehlanreizen im Steuer- und Sozialsystem erhebliche makroökonomische Impulse freisetzen kann. Angesichts stagnierender Wachstumsraten und einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung benötigt Deutschland einen ganzheitlichen Ansatz, der steuerliche Anreize, flexible Beschäftigungsmodelle und eine strukturelle Rentenreform vereint. Nur so lässt sich ein Absinken des allgemeinen Wohlstandsniveaus verhindern. Im April 2025 lag der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst in Deutschland bei 4784 Euro, wobei zwei Drittel der Vollzeitbeschäftigten ein Einkommen unterhalb dieses Wertes erzielen.

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Quellen

  • Deutsche Welle

  • Fenix Magazin

  • Worldometer

  • Standard

  • Financije.hr

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