25 Jahre Wikipedia: Zwischen KI-Revolution und dem Schwund der Freiwilligen
Bearbeitet von: Svetlana Velgush
Am 15. Januar 2026 beging die weltweit führende Online-Enzyklopädie Wikipedia ihr 25-jähriges Jubiläum und blickte damit auf ein Vierteljahrhundert seit ihrer Gründung am 15. Januar 2001 zurück. Dieses historische Ereignis diente jedoch nicht nur der Feier vergangener Erfolge, sondern rückte auch die massiven strukturellen Herausforderungen in den Vordergrund. Im Zentrum der Debatte stehen der wachsende Einfluss der künstlichen Intelligenz (KI) sowie ein besorgniserregender Rückgang der aktiven Basis an freiwilligen Helfern, die das Rückgrat der Plattform bilden.
Im Rahmen der Feierlichkeiten organisierte Wikimedia France am 13. Januar 2026 eine Pressekonferenz in den Räumlichkeiten des Nationalarchivs (Archives nationales) im Pariser Hôtel de Soubise. Während der Veranstaltung wurde bekannt gegeben, dass bereits über 13.000 digitalisierte Dokumente aus den Archiven in die Wikimedia-Projekte überführt wurden, was monatlich etwa 10 Millionen Seitenaufrufe generiert. Rémi Gerbet, der Exekutivdirektor von Wikimedia France, hob hervor, dass nahezu alle großen Sprachmodelle (LLMs) auf den qualitativ hochwertigen und geprüften Daten von Wikipedia basieren. Durch die Initiative Wikimedia Enterprise wurden strategische Partnerschaften mit Unternehmen wie Microsoft, Amazon, Meta, Mistral AI und Perplexity etabliert, um die Weiterentwicklung des Projekts zu sichern, ohne die gemeinnützigen Kernaktivitäten direkt kommerziell zu belasten.
Obwohl Wikipedia ein enormes öffentliches Vertrauen genießt – 85 % der französischen Bevölkerung nutzen das Portal und 75 % betrachten es als den „unangefochtenen Champion des digitalen Vertrauens“ – steht das Projekt vor einer existenziellen Krise der Nachhaltigkeit. Adélaïde Calais, Managerin für Online-Communities bei Wikimedia France, betonte, dass die größte Aufgabe der nächsten 25 Jahre darin bestehe, dieses passive Vertrauen in aktives bürgerschaftliches Engagement umzuwandeln, da das Ehrenamt als „mächtiger demokratischer Schutzschild“ fungiere. Bisher haben jedoch lediglich 11 % der Franzosen jemals ein Benutzerkonto zur aktiven Mitarbeit erstellt. Besonders kritisch ist die Situation bei den Moderatoren (Sichtern): Deren Zahl sank innerhalb von sechs Jahren um ein Drittel von 300 auf nur noch 200 aktive Personen pro Monat, während die Gesamtzahl der aktiven Teilnehmer bei 41.200 liegt.
Eine der gravierendsten Bedrohungen ist der Rückgang des menschlichen Nutzerverkehrs, da KI-Systeme die Inhalte direkt konsumieren und verarbeiten. Die Wikimedia Foundation stellte fest, dass in bestimmten Zeiträumen etwa 8 % des menschlichen Traffics verloren gingen, da generative KI-Anwendungen fertige Antworten liefern, ohne dass die Nutzer die eigentliche Webseite besuchen müssen. Diese Entwicklung stellt die langfristige Finanzierung infrage, da das Projekt maßgeblich von individuellen Spenden lebt, während KI-Anbieter wie Google, Ecosia, Pleias und ProRata die Inhalte in industriellem Umfang verwerten. Der technologische Druck erhöht zudem das Risiko eines Diversitätsverlusts, wie das Beispiel der kroatischen Wikipedia zeigt, in der eine kleine Gruppe aufgrund mangelnder Beteiligung die administrative Kontrolle übernehmen konnte.
Als Antwort auf diese komplexen Bedingungen setzt die Wikimedia Foundation auf ihre im März 2021 gestartete kommerzielle Einheit Wikimedia Enterprise, die kostenpflichtige Lizenzvereinbarungen mit Technologiekonzernen schließt. Diese Kooperationen ermöglichen den Unternehmen den Datenzugriff über eine offizielle API, was das unregulierte Web-Scraping ersetzt und die notwendige Datenmenge für das Training von KI-Modellen bereitstellt. Lane Becker, Präsident von Wikimedia Enterprise, erklärte, dass diese Unternehmen die Notwendigkeit finanzieller Unterstützung zunehmend anerkennen, da Wikipedia-Inhalte eine unverzichtbare Komponente ihrer Systeme sind. Gründer Jimmy Wales befürwortet zwar das Training von KI auf von Menschen kuratierten Daten, mahnt jedoch strikt die Einhaltung der Grenzen des kostenlosen Zugangs an. Zum 25. Jubiläum zeigt Wikipedia somit einen schwierigen Balanceakt zwischen ihrer Mission als Pfeiler des freien Wissens und der Notwendigkeit, sich an die kommerziellen Realitäten des digitalen Zeitalters anzupassen, in dem die menschliche Arbeit hinter 65 Millionen Artikeln vor einer unentgeltlichen Ausbeutung geschützt werden muss.
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Quellen
BFMTV
Mac4Ever
Wikimédia France
Archives nationales
Les Affs
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