Venezuelas Nationalversammlung öffnet Ölsektor für Privatkapital inmitten diplomatischer Annäherung an die USA

Bearbeitet von: Tatyana Hurynovich

In einer wegweisenden Sitzung am Donnerstag, den 15. Januar 2026, hat die venezolanische Nationalversammlung in erster Lesung eine Gesetzesinitiative verabschiedet, die eine vollständige Öffnung des heimischen Erdölsektors für privates Kapital vorsieht. Dieser legislative Vorstoß markiert eine historische Zäsur in der Energiepolitik des südamerikanischen Landes, das über Jahrzehnte hinweg auf eine strikte staatliche Dominanz und Kontrolle seiner wertvollsten Rohstoffvorkommen gesetzt hatte. Die Entscheidung wird international als klares Signal gewertet, dass Venezuela bereit ist, seine wirtschaftliche Isolation zu beenden und die Branche grundlegend zu modernisieren.

Die geplante Reform sieht vor, flexible Produktions- und Kooperationsmodelle, die ursprünglich im Rahmen des sogenannten „Anti-Blockade-Gesetzes“ von 2020 erprobt wurden, nun dauerhaft in das Organische Gesetz über Kohlenwasserstoffe zu integrieren. Ein primäres Ziel dieser rechtlichen Neuerung ist die Schaffung einer verlässlichen Rechtssicherheit, um sowohl nationale als auch internationale Investoren für langfristige Projekte zu gewinnen. Erste Schätzungen und vorläufige Vertragsdaten lassen darauf schließen, dass Investitionen in Höhe von bis zu 32 Milliarden US-Dollar in bisher unerschlossene Ölfelder sowie in Regionen mit erheblichen infrastrukturellen Defiziten fließen könnten, um die Förderkapazitäten nachhaltig zu reaktivieren.

Dieser strategische Kurswechsel vollzieht sich vor dem Hintergrund einer bemerkenswerten diplomatischen Annäherung an die Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Entwicklung folgte auf eine gezielte Militäroperation Anfang Januar 2026, in deren Verlauf der bisherige Machthaber Nicolás Maduro festgenommen wurde. Die neue Übergangsregierung unter der Führung von Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, die ihr Amt am 5. Januar 2026 antrat, setzt verstärkt auf die Akquise externer Finanzmittel und die Wiederherstellung geregelter Exportwege für Erdöl. US-Außenminister Marco Rubio signalisierte bereits die Kooperationsbereitschaft Washingtons und verwies dabei auf die „richtigen Weichenstellungen“ der neuen Führung in Caracas für die energetische Zukunft des Landes.

Parallel zu den innenpolitischen Reformen hat Washington bereits den ersten bedeutenden Rohölkauf unter der neuen venezolanischen Administration bestätigt. Das Geschäft umfasst ein Volumen von 500 Millionen US-Dollar und ist Teil einer umfassenderen Rahmenvereinbarung über insgesamt 2 Milliarden US-Dollar, die bereits Anfang Januar ratifiziert wurde. Die erste Lieferung wurde über das renommierte Handelsunternehmen Vitol abgewickelt. Ein weiteres starkes Symbol für die diplomatische Wende ist die Ernennung von Laura F. Dogu zur neuen Geschäftsträgerin in Venezuela am 22. Januar 2026. Dies markiert den entscheidenden Schritt zur Wiederaufnahme der offiziellen diplomatischen Präsenz der USA in Caracas, nachdem diese im Jahr 2019 vollständig eingestellt worden war.

Trotz der allgemeinen Aufbruchstimmung agieren viele US-amerikanische Privatunternehmen weiterhin mit einer gewissen Vorsicht. Die Erschließung der immensen Reserven, die zu einem großen Teil aus dem technisch anspruchsvollen Schweröl des Orinoco-Gürtels bestehen, erfordert nicht nur lange Zeiträume, sondern auch massive initiale Kapitalinvestitionen. Dennoch zeigt sich der US-Ölfelddienstleistungsriese Halliburton bereit für eine unmittelbare Rückkehr auf den venezolanischen Markt. CEO Jeff Miller erklärte, dass sein Unternehmen die Produktion bereits innerhalb weniger Wochen nach Erteilung der notwendigen US-Lizenzen und der Sicherstellung von Zahlungsgarantien hochfahren könne. Miller hob hervor, dass trotz des Alters vieler Anlagen – einige Teile der Infrastruktur sind über 50 Jahre alt – ein erhebliches Potenzial für eine schnelle Instandsetzung bestehe.

Venezuela, das mit rund 303 Milliarden Barrel über etwa 19,4 % der weltweit nachgewiesenen Erdölreserven verfügt, verfolgt das ehrgeizige Ziel, die tägliche Fördermenge im Laufe des Jahres 2026 um insgesamt 15 % zu steigern. Durch die Einbindung neuer internationaler Partner und die Bereitstellung von frischem Kapital soll die Ölindustrie wieder zu einem stabilen Rückgrat der staatlichen Einnahmen werden. Dieser Prozess gilt als zentraler Baustein für die wirtschaftliche Konsolidierung des Landes nach Jahren der Krise und soll Venezuela langfristig wieder als verlässlichen und bedeutenden Akteur auf dem globalen Energiemarkt positionieren.

7 Ansichten

Quellen

  • Mediapart

  • Energynews.pro

  • Anadolu Ajansı

  • QNA

  • Le Quotidien

  • AFP

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