Zunehmende Spiritualität junger Erwachsener fordert institutionelle Anpassung

Bearbeitet von: Olga Samsonova

Aktuelle internationale Erhebungen belegen eine signifikante Steigerung der Spiritualität unter jungen Erwachsenen im Alter von achtzehn bis neunundzwanzig Jahren innerhalb der letzten fünf Jahre. Eine länderübergreifende Untersuchung, die acht Nationen umfasste, ergab, dass bis zu 50 Prozent der befragten Personen eine Intensivierung ihrer spirituellen Empfindungen angaben. Diese Zunahme wird von den Befragten kausal mit einer geschärften kritischen Haltung gegenüber globalen Missständen wie Kriegsführung und Korruption in Verbindung gebracht. Diese Dynamik signalisiert eine klare Tendenz junger Menschen, sich von etablierten religiösen Institutionen abzuwenden, während sie gleichzeitig intensiv nach transzendenten Erfahrungen und persönlicher Erfüllung suchen.

Die empirische Lage zeigt, dass junge Erwachsene, die als „prophetische Avantgarde“ bezeichnet werden, zwar oft eine Distanz zur Kirche als Institution aufweisen, jedoch gleichzeitig eine hohe Offenheit für existenzielle Fragen wie Sinnstiftung und Bewältigung von Kontingenz zeigen. Während die klassische Säkularisierungstheorie einen linearen Rückgang der Religiosität prognostiziert, belegen Daten, dass Transzendenzerfahrungen gerade in dieser Altersgruppe stark zunehmen, wobei das Gefühl eines göttlichen Eingreifens bei unter 29-Jährigen fast doppelt so stark wächst wie in der Gesamtbevölkerung. Daten aus dem internationalen „Religion Monitor“ bestätigen, dass interaktive Transzendenzerfahrungen, wie das Gefühl göttlichen Eingreifens, bei jungen Erwachsenen um 0,30 Punkte zunahmen, was nahezu doppelt so hoch ist wie der Zuwachs in der Gesamtbevölkerung von 0,17 Punkten.

Religiöse Organisationen reagieren auf diese Verschiebung, indem sie ihre Kommunikationsstrategien modernisieren, um die spirituelle Sehnsucht der jungen Generation zu adressieren. Dies manifestiert sich in der Neukontextualisierung historischer Glaubensnarrative in zeitgenössischen Umfeldern und der gezielten Anbindung an populäre Kulturfiguren, die spirituelle Thematiken aufgreifen. Die Forschung des SINUS-Instituts unterstreicht die Notwendigkeit einer milieusensiblen Pastoral, um die begrenzte Reichweite kirchlichen Handelns in einer segmentierten Gesellschaft zu überwinden. Ein Beispiel für diese Anpassung sind modernisierte seelsorgerische Ansätze, bei denen Geistliche eine zugänglichere Sprache verwenden, um heilige Texte mit den alltäglichen Herausforderungen zu verknüpfen. Diese Bemühungen zeigen sich in messbaren Erfolgen, wie beispielsweise einer Zunahme der Anmeldungen für kirchliche Trauungen.

Die Datenlage deutet auf ein vielschichtiges Terrain hin, in dem eine nicht-institutionelle Spiritualität florieren kann, selbst unter Individuen, die sich explizit als nicht-gläubig definieren. Studien belegen, dass viele Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, sich dennoch als spirituell bezeichnen, wobei dieser Begriff oft zur Abgrenzung von organisierter Religion genutzt wird. Die Suche nach dem Spirituellen ist oft eine direkte Reaktion auf wahrgenommene gesellschaftliche Defizite. So nutzen beispielsweise junge Erwachsene in der Westschweiz ihre Spiritualität, um Ängste zu bekämpfen und sich in schwierigen Zeiten besser zu fühlen, was einen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit hat. Gleichzeitig wird kritisiert, dass eine Fokussierung auf individuelle Achtsamkeitsprogramme, wie sie von Unternehmen angeboten werden, gesellschaftliche Fehlentwicklungen wie Stress lediglich individualisiert, anstatt die strukturellen Ursachen anzugehen.

Die religiöse Landschaft wird somit durch Individualisierung und Pluralisierung geprägt, was eine Abkehr von traditionellen, dogmatischen Sinnangeboten zur Folge hat. Die Verschiebung zeigt sich auch in der Praxis: Während die Gottesdienstteilnahme in Österreich seit der Jahrtausendwende von fast 30 Prozent auf nur noch 13 Prozent im Jahr 2018 sank, glauben viele der Konfessionslosen weiterhin an eine höhere Macht oder ein Leben nach dem Tod. Für die Kirchen bedeutet dies eine Herausforderung, die eigene Relevanz in einer Welt zu beweisen, in der junge Menschen – wie die Gen Z – durch digitale Transformation und globale Unsicherheiten sozialisiert wurden und Orientierung suchen. Die Notwendigkeit besteht darin, Räume zu schaffen, in denen die Jugendlichen wahrgenommen werden und ihren Glauben aktiv mitgestalten können, um die Bindungskraft institutioneller Angebote neu zu verankern.

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Quellen

  • Valencia Plaza

  • Valencia Plaza

  • Apple Podcasts

  • EL PAÍS

  • Omnes

  • Pontificia Università della Santa Croce - PUSC

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