Der Lake Natron im Norden Tansanias kann Tiere in Stein verwandeln.
Lake Natron in Tansania: Chemische Extreme als Brutstätte für Zwergflaminchen
Bearbeitet von: Tetiana Martynovska 17
Der Lake Natron, gelegen im Norden Tansanias nahe der kenianischen Grenze, präsentiert sich als eine Salzwasserformation von außergewöhnlicher chemischer Zusammensetzung und auffälliger purpurroter Färbung. Die Entstehung dieser einzigartigen Landschaft datiert auf etwa 1,5 Millionen Jahre zurück, resultierend aus intensiver vulkanischer Riftbildung und tektonischen Verschiebungen, die auch den nahegelegenen erloschenen Vulkan Ol Doinyo Lengai, den Massai als „Berg Gottes“ bezeichnen, formten. Unterirdische heiße Quellen speisen den See mit Natriumkarbonat und anderen Mineralien, wobei das Gewässer als endorheisches Becken ohne natürlichen Abfluss fungiert und somit Salze akkumuliert.
Im Hochsommer können die Wassertemperaturen bis zu 60 Grad Celsius erreichen, während der pH-Wert extrem zwischen 10,5 und 12 liegt. Diese Alkalität, vergleichbar mit Haushaltsbleiche, wird durch salzliebende Mikroorganismen wie Haloarchaea und Cyanobakterien verstärkt, welche die charakteristische blutrote Tönung des Wassers erzeugen. Die hohe Natronkonzentration, chemisch Natriumkarbonat-Dekahydrat, wirkt konservierend, ein Prozess, der historisch mit der Mumifizierung durch die alten Ägypter vergleichbar ist. Obwohl der See mit maximal drei Metern Tiefe sehr flach ist und seine Oberfläche bis zu 57 Kilometer lang und 22 Kilometer breit messen kann, führt die extreme Chemie zur Kalzifizierung von vertrocknetem Gewebe, was oft fälschlicherweise als sofortige Versteinerung interpretiert wird.
Tiere, die die stark reflektierende Oberfläche mit festem Boden verwechseln, verenden häufig durch Dehydrierung, da das ätzende Wasser die natürlichen Schutzschichten von Haut und Gefieder angreift. Der Fotograf Nick Brandt lenkte 2013 mit seiner Arbeit „Across the Ravaged Land“ die Aufmerksamkeit auf diese kalzifizierten Überreste, die er in lebensähnliche Posen arrangierte. Brandt bemerkte die hohe Soda- und Salzkonzentration, die in der Lage war, Tinte von Filmboxen innerhalb weniger Sekunden abzulösen.
Trotz dieser Gefahren bildet der Lake Natron eine ökologische Festung und ist das einzige verlässliche Brutgebiet in Ostafrika für den von der IUCN als „gefährdet“ eingestuften Zwergflamingo. Die Cyanobakterienblüten, insbesondere Spirulina-Algen, dienen als Hauptnahrungsquelle für die Millionen von Zwergflaminchen, die typischerweise zwischen August und Oktober nisten. Diese Abhängigkeit sichert den Vögeln einen weitgehend prädatorfreien Brutplatz, da nur wenige andere Lebensformen dieses harsche Milieu tolerieren. Zudem überleben endemische Fischarten wie Alcolapia latilabris und Alcolapia ndalalani in den weniger salzhaltigen Randzonen des Sees. Der Lake Natron ist offiziell als Ramsar-Gebiet von internationaler Bedeutung anerkannt und dient der Region als wichtiger Wanderkorridor zwischen dem Serengeti-Nationalpark und dem Ngorongoro-Schutzgebiet.
Ein geplantes großflächiges Soda-Asche-Abbauprojekt, das jährlich bis zu 660.000 Tonnen raffiniertes Soda-Asche produzieren sollte, wurde im August 2025 von der tansanischen Regierung gestoppt. Der stellvertretende Minister für Mineralien, Stephen Kiruswa, bestätigte, dass keine Lizenz für industriellen Abbau erteilt werde, da der See als einziger signifikanter Brutplatz für Zwergflaminchen in Ostafrika zu wichtig sei. Bereits 2018 hatte die National Development Corporation (NDC) Tansanias Pläne für den Soda-Asche-Abbau verworfen, nachdem Umweltbedenken und Widerstand von Naturschutzorganisationen laut wurden. Lediglich die traditionelle, kleinflächige Oberflächensammlung von Soda-Asche entlang der Uferlinie bleibt gestattet.
Quellen
The Times of India
Times Now
Business Today
The Times of India
Brilliant Africa
Vajiram & Ravi
