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Globale Rückversicherungsbranche: Milliardenverluste durch Streiks und zivile Unruhen
Bearbeitet von: Tatyana Hurynovich
Ein grundlegender Wandel in der globalen Risikostruktur der Versicherungsbranche zeichnet sich ab: Finanzielle Verluste durch Streiks, Unruhen und zivile Aufstände (SRCC) sind massiv angestiegen. Was früher als zweitrangige Kategorie galt, generiert heute Milliardenverluste für die weltweite Rückversicherungsindustrie. Analysen für den Zeitraum von 2013 bis hin zu Prognosedaten für 2026 belegen diesen Trend eindrucksvoll. Allein zwischen 2020 und 2024 überstiegen die kumulierten versicherten Schäden durch SRCC-Ereignisse laut Schätzungen von Howden Re die Marke von 8 Milliarden US-Dollar.
Dieser Anstieg steht in direktem Zusammenhang mit der Zunahme ziviler Unruhen und der politischen Polarisierung, die insbesondere in entwickelten westlichen Demokratien zu beobachten ist. David Flandro, Managing Director bei Howden Re, betont, dass sich das globale Umfeld seit 2022 grundlegend verändert hat. Diese Entwicklung führte nicht nur zu einer Erhöhung der Versicherungstarife, sondern auch zu einem deutlichen Anstieg der versicherten Vermögenswerte, was die Gesamtrisikoexposition der Branche weiter verschärft.
Besonders deutlich wird die Eskalation der SRCC-Risiken in den Vereinigten Staaten. Daten von Verisk Maplecroft für den Zeitraum Ende 2025 bis Anfang 2026 stufen das Land auf dem ersten Platz unter den westlichen Demokratien mit dem höchsten SRCC-Risiko ein; im globalen Gesamtranking belegen die USA den fünften Platz. Torbjørn Soltvedt von Verisk Maplecroft weist darauf hin, dass die tiefe politische Spaltung und die zunehmende Protestaktivität in den USA die Wahrscheinlichkeit zerstörerischer Vorfälle erhöhen, bei denen friedliche Demonstrationen in gewaltsame Auseinandersetzungen umschlagen können.
Das Risikoniveau in den USA wurde für den Beginn des Jahres 2026 von Verisk Maplecroft als vergleichbar mit dem Niveau von Anfang 2020 bewertet. Dies verdeutlicht, dass die Wahrnehmung der USA als „sicherer Hafen“ aufgrund der anhaltenden politischen Volatilität schwindet, wie Stephen M. Davis von der Harvard Law School treffend anmerkte. Die Instabilität ist zu einem dauerhaften Faktor geworden, der die strategischen Kalkulationen der Versicherer weltweit massiv beeinflusst.
Der Markt reagiert institutionell durch eine grundlegende Überarbeitung der Underwriting- und Preisgestaltungsmethoden. Bereits 2023 stellte Howden Re fest, dass Versicherer begannen, „erhebliche Zusatzprämien“ für die SRCC-Deckung zu erheben. Im Jahr 2024 führte Lloyd's of London eine eigene Kennnummer für SRCC ein, um diese Risiken klar von traditionellen Terrorismusgefahren abzugrenzen. Im Jahr 2025 veröffentlichte Verisk das erste Katastrophenmodell, das sich spezifisch auf SRCC in den USA konzentriert, und für 2026 ist der Start des „Verisk Synergy Studio“ geplant. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, bei politischen Risiken eine ebenso strenge Methodik anzuwenden wie bei Naturkatastrophen.
Srdjan Todorovic von Allianz Commercial stellte fest, dass die jüngsten Großereignisse den Markt hinsichtlich dieser ehemals als Nische betrachteten Geschäftsklasse „wachgerüttelt“ haben. Die anhaltenden geopolitischen Spannungen, verschärft durch die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten sowie die Zunahme hybrider Kriegführung – einschließlich Cyberangriffen und Sabotage –, stützen die Erwartung hoher Verluste für das Jahr 2026, so die Analyse von Howden Re. Richard Miller von Howden Re bekräftigt, dass PV- (Political Violence) und SRCC-Risiken aus der Peripherie in das Zentrum der Entscheidungsfindung über Kapital und Underwriting gerückt sind. Während die globalen versicherten Katastrophenschäden in jedem Jahr dieses Jahrzehnts 100 Milliarden US-Dollar überstiegen, ist die Branche nun gezwungen, die Modellierung politischer Gewalt in Standardprotokolle zu integrieren und anzuerkennen, dass zivile Unruhen ein permanentes Merkmal der globalen Risikolandschaft geworden sind.
Quellen
Bloomberg Business
The Guardian
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