Nach 25 Jahren des Wartens: Mercosur-EU-Abkommen tritt endlich in Kraft

Bearbeitet von: Svetlana Velhush

Nach einem Vierteljahrhundert endloser Verhandlungsrunden, gegenseitiger Vorwürfe und beinahe begrabener Hoffnungen ist das Freihandelsabkommen zwischen dem Mercosur und der Europäischen Union offiziell in Kraft getreten. Das Ereignis, das erst vor zwei Stunden verkündet wurde, wirkt fast surreal: Ein Dokument, dessen Verhandlungen bereits Mitte der 1990er Jahre begannen, hat sämtliche politische Stürme, Umweltskandale und Regierungswechsel überstanden. Von nun an fungiert es als lebendiger Mechanismus, der die Volkswirtschaften beider Kontinente enger und tiefer miteinander verknüpft als jede bisherige Partnerschaftserklärung.

Die Bedeutung dieses Abkommens ist kaum zu überschätzen. Für Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay öffnet sich ein direkter Weg zum kaufkräftigsten Verbrauchermarkt der Welt, begleitet von drastischen Zollsenkungen für Rindfleisch, Zucker, Ethanol, Kaffee und Sojaprodukte. Europäische Hersteller wiederum erhalten einen deutlich verbesserten Zugang zu den südamerikanischen Märkten für Automobile, Maschinen, Medikamente und Finanzdienstleistungen. Vorläufigen Schätzungen zufolge könnte der Zuwachs im gegenseitigen Handel bereits in den ersten Jahren 20 Milliarden Euro übersteigen, auch wenn verlässliche Zahlen erst vorliegen werden, sobald die realen Logistikketten angelaufen sind. Dies ist nicht nur ein kommerzieller Deal – es ist der Versuch, ein Gegengewicht zum wachsenden Einfluss Chinas in Lateinamerika zu schaffen und gleichzeitig eine Antwort auf die protektionistischen Tendenzen zu geben, die auf beiden Seiten des Atlantiks immer lauter werden.

Hinter der glanzvollen Fassade verbirgt sich jedoch eine tiefe Anspannung, die keineswegs verflogen ist. Europäische Landwirte warnten jahrelang davor, dass der Wettbewerb mit südamerikanischem Fleisch und Getreide ganze Regionen in Frankreich, Polen und Irland gefährden könnte. Im Gegenzug verwiesen die südamerikanischen Partner auf die europäischen Agrarsubventionen, die seit Jahrzehnten den Weltmarkt verzerren. Ein gesonderter und äußerst sensibler Punkt ist der Umweltschutz. Kritiker des Abkommens, unter denen sich viele europäische Umweltorganisationen befinden, befürchten, dass der Abbau von Barrieren Brasilien dazu verleiten könnte, die Weideflächen auf Kosten des Amazonas-Regenwaldes weiter auszudehnen. Obwohl die derzeitige brasilianische Regierung strenge Kontrollen verspricht, zeigt die Geschichte, wie schnell politische Zusagen und die Realität vor Ort auseinanderklaffen können.

Bemerkenswert ist, dass das Abkommen selbst erst durch ein seltenes Zusammentreffen von Interessen möglich wurde. Die Europäische Union benötigte nach einer Reihe von Rückschlägen mit anderen Partnern dringend einen symbolischen Erfolg in ihrer Freihandelspolitik. Der Mercosur wiederum suchte vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Instabilität und des Drucks asiatischer Giganten nach neuen Absatzmärkten. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, der nicht nur Zollzugeständnisse umfasst, sondern auch Kapitel über nachhaltige Entwicklung, Arbeitsnormen und Streitbeilegung enthält. Natürlich sind viele Punkte recht vage formuliert, und ihre tatsächliche Wirksamkeit wird von Kontrollmechanismen abhängen, die erst noch aufgebaut werden müssen.

Man kann eine Parallele zur langwierigen und schwierigen Renovierung eines alten Hauses ziehen: Jahrelang stritten die Parteien über die Wandfarben und die Anordnung der Fenster, bis sie schließlich begriffen, dass das Gebäude ohne ein gemeinsames Fundament einfach zusammenbrechen würde. Heute wurde dieses Fundament gelegt. Doch die Renovierung fängt gerade erst an. Die Parlamente der Mercosur-Staaten und die Nationalversammlungen der europäischen Länder müssen die internen Verfahren noch abschließen, während die Unternehmen ihre Lieferketten an die neuen Regeln anpassen müssen. Wer ein sofortiges Wirtschaftswunder erwartet, wird sicher enttäuscht werden. Echte Veränderungen werden sich schrittweise und ungleichmäßig vollziehen.

Dennoch verändert allein die Tatsache, dass das Abkommen in Kraft tritt, die Spielregeln. In einer Welt, in der multilaterale Vereinbarungen immer häufiger bilateralen Verträgen und roher Gewalt weichen, haben der Mercosur und die EU bewiesen, dass Geduld und Beharrlichkeit am Ende doch triumphieren können. Nun bleibt die entscheidende Frage: Werden beide Seiten in der Lage sein, dieses Dokument in ein Instrument zu verwandeln, das nicht nur dem gegenseitigen Nutzen dient, sondern eine echte strategische Annäherung ermöglicht, die den nächsten politischen Wetterumschwung überdauert? Die Antwort darauf wird weder in Brüssel noch in Brasília geschrieben, sondern auf den Feldern, in den Häfen und an den Fließbändern zweier Kontinente, die von nun an wesentlich enger miteinander verbunden sind als noch gestern.

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Quellen

  • After 25 years of negotiation, the Mercosur-EU agreement takes effect this Friday

  • News from Latin America and Mercosur

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