Während die Weltmächte über neue Sanktionen und Handelsbarrieren debattierten, vollzog Peking einen Schritt, der ebenso großzügig wie berechnend anmutet. Vor drei Stunden wurde bekannt, dass China für sämtliche Waren aus afrikanischen Staaten die Zölle auf Null senkt – mit einer einzigen Ausnahme. Dieses Handelsregime wird voraussichtlich fast den gesamten Kontinent umfassen und könnte die Ströme von Handel, Investitionen und politischem Einfluss im Globalen Süden grundlegend verändern. Was als routinemäßige Ankündigung im Rahmen des China-Afrika-Gipfels begann, entpuppt sich als Teil einer weitreichenden Strategie, in der Wirtschaftskraft als Instrument für langfristige Präsenz dient.
Offiziellen Angaben zufolge betrifft diese Entscheidung 53 von 54 afrikanischen Ländern. Einzig Eswatini bleibt ausgeschlossen – jener Staat, der nach wie vor diplomatische Beziehungen zu Taiwan unterhält. Dieses Vorgehen ist für China keineswegs neu: Peking setzt Handelsvorteile konsequent als Druckmittel ein, um die Anerkennung des „Ein-China-Prinzips“ zu erzwingen. Nun gelten die Nullzölle für eine breite Palette an Gütern – von Agrarprodukten und Textilien bis hin zu Mineralien und Erzeugnissen der Leichtindustrie. Experten weisen darauf hin, dass dies die Fortsetzung einer Linie ist, die bereits in den 2000er Jahren bei den FOCAC-Foren ihren Anfang nahm, doch die aktuelle Dimension ist ungleich größer.
Hier steht weit mehr auf dem Spiel als nur die Steigerung des Handelsvolumens. Afrika ist für China zugleich Absatzmarkt, Rohstoffquelle und eine Bühne, um ein alternatives Entwicklungsmodell zu präsentieren. Während der Westen Hilfsleistungen an Bedingungen wie Demokratie und Transparenz knüpft, bietet Peking Marktzugang und Infrastruktur ohne politische Belehrungen. Das neue Zollregime zielt offensichtlich darauf ab, afrikanische Produzenten zu fördern, die nun ungehinderten Zugang zum gigantischen chinesischen Konsumgütermarkt erhalten. Im Gegenzug erwartet China eine noch engere Bindung – von politischer Rückendeckung in der UN bis hin zu gesicherten Lieferungen von Kobalt, Lithium und Seltenen Erden, die für die globale Energiewende unverzichtbar sind.
Hier bietet sich eine einfache Analogie an. Stellen Sie sich einen riesigen Supermarkt vor, der plötzlich verkündet, dass alle Bauern einer bestimmten Region ihre Waren gebührenfrei und ohne Standmiete anliefern dürfen. Ein einziger Landwirt, der sich nicht an die Hausregeln hält, muss draußen bleiben. Die Übrigen weiten ihre Lieferungen rasch aus, während der Marktbesitzer Loyalität gewinnt, wertvolle Daten über Konsumvorlieben sammelt und die Kontrolle über die Lieferketten übernimmt. Genau so gestaltet sich der aktuelle Schachzug Chinas: Er öffnet Türen und legt gleichzeitig die Bedingungen für den Verbleib in diesem Wirtschaftsraum fest.
Die globale Tragweite dieses Entschlusses ist kaum zu unterschätzen. Er verschärft den Konkurrenzkampf mit Indien, das sich ebenfalls massiv in Afrika engagiert, sowie mit den traditionellen westlichen Akteuren wie den USA und der EU. Während multilaterale Handelsabkommen im Rahmen der WTO stagnieren, beweist Peking Handlungsfähigkeit durch schnelles und gezieltes Agieren. Analysten gehen davon aus, dass diese Initiative andere Mächte dazu zwingen könnte, ihre eigene Afrikapolitik grundlegend zu überdenken. Bereits jetzt zeigt sich eine Zunahme von Joint Ventures und Investitionen in die Rohstoffverarbeitung direkt vor Ort – China will längst nicht mehr nur ein reiner Käufer von Ressourcen sein.
Dennoch sollte man hinter dieser Geste keinen reinen Altruismus vermuten. Chinesische Unternehmen stehen bereits wegen mangelnder Umweltstandards und der Schaffung von Schuldenfallen in einigen afrikanischen Ländern in der Kritik. Das neue Zollregime dürfte diese Abhängigkeiten eher festigen und sie noch asymmetrischer gestalten. Gleichwohl wirkt dieses Angebot für viele afrikanische Volkswirtschaften, die unter den Folgen der Pandemie und steigenden Lebensmittelpreisen leiden, wie ein dringend benötigter Befreiungsschlag. Sie erhalten die reale Chance, ihren Export über das klassische Rohstoffgeschäft hinaus zu diversifizieren.
Letztlich ist dieser Schritt Pekings weit mehr als nur Handelspolitik. Es ist eine Kampfansage darüber, wer im 21. Jahrhundert die Spielregeln im Globalen Süden definieren wird. Während andere Akteure noch über diplomatische Formulierungen debattieren, schafft China bereits vollendete Tatsachen am Boden.



