Denken in Bildern: Wie 1X Technologies durch visuelle Vorstellungskraft die Roboterautonomie revolutioniert
Bearbeitet von: Veronika Radoslavskaya
Die Welt der Robotik befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Weg von starren, vorprogrammierten Abläufen hin zu Maschinen, die eine Art interne „Vorstellungskraft“ nutzen, um sich in der physischen Welt zurechtzufinden. Das norwegisch-amerikanische Startup 1X Technologies hat mit der Einführung seines 1X World Model (1XWM) für den humanoiden Roboter Neo einen entscheidenden Schritt in diese Richtung gemacht. Ein Weltmodell fungiert dabei als KI-gestützter interner Simulator, der es dem Roboter ermöglicht, die physikalischen Folgen seiner Handlungen vorherzusehen, bevor er sie tatsächlich ausführt – ganz ähnlich wie ein Mensch, der das Fangen eines Balls visualisiert, bevor er die Hand ausstreckt. Diese Entwicklung markiert eine Abkehr von der totalen Abhängigkeit von menschlichen Teleoperatoren, die Roboter bisher fernsteuerten, um ihnen Bewegungen beizubringen, und führt hin zu einem System, das autonom aus riesigen Mengen visueller Daten lernt.
Im Zentrum dieser Innovation steht ein textkonditioniertes Diffusionsmodell. Diese KI-Architektur ähnelt jenen Systemen, die in modernen Videogeneratoren verwendet werden, um komplexe visuelle Inhalte aus einfachen schriftlichen Beschreibungen zu erstellen. 1X Technologies hat dieses Modell mit hunderten Stunden „egozentrischer“ menschlicher Videos trainiert – Aufnahmen aus der Ich-Perspektive –, um Neo zu vermitteln, wie Menschen instinktiv mit Objekten umgehen. Durch die Feinabstimmung dieses Systems mit spezifischen Daten, die auf Neos Erscheinungsbild und Kinematik zugeschnitten sind, kann der Roboter nun einfache Sprach- oder Textbefehle in physische Bewegungsabläufe übersetzen. Anstatt nach einer vorab aufgezeichneten Anweisung zu suchen, „stellt“ sich die KI zunächst ein kurzes Video von sich selbst bei der Erfüllung der Aufgabe vor. Ein sekundäres KI-System, das Inverse Dynamics Model (IDM), berechnet anschließend die exakten Motorkräfte, die erforderlich sind, um diese vorgestellten Bilder in die Realität umzusetzen.
Dieser methodische Ansatz zielt darauf ab, den sogenannten „Datenengpass“ zu überwinden – eine der größten Herausforderungen in der Robotik, bei der der Fortschritt oft durch tausende Stunden manuellen Trainings selbst für einfachste Aufgaben gebremst wird. Da Neo über eine menschenähnliche Gestalt und weiche, organisch inspirierte Bewegungsabläufe verfügt, kann er laut 1X Technologies Wissen aus Videos von Menschen, die mit ihrer Umwelt interagieren, besonders effektiv anwenden. In jüngsten Demonstrationen bewältigte Neo bereits Aufgaben wie den Umgang mit Küchenutensilien, Reinigungsarbeiten und die allgemeine Manipulation von Objekten. Das Unternehmen geht davon aus, dass diese Technologie künftig auch auf experimentellere Bereiche wie die Textilpflege oder feinfühlige Hilfe im Haushalt ausgeweitet werden kann, ohne dass dafür ein spezifisches vorheriges Training notwendig ist. Diese Fähigkeit zur Generalisierung – also das Anwenden gelernter Logik auf völlig neue Situationen – gilt als entscheidender Schritt hin zu einem „Schwungrad-Effekt“, bei dem die Intelligenz des Roboters mit jeder neuen Erfahrung autonom wächst.
Die physische Hardware, die diese Intelligenz unterstützt, ist ebenso hochentwickelt wie die Software. Neo ist etwa 167 bis 168 cm groß, wiegt 30 kg und wird vom 1X Neo Cortex angetrieben. Dieses System nutzt Hochleistungschipsätze, um die enorme Rechenlast zu bewältigen, die für die KI-Verarbeitung in Echtzeit erforderlich ist. Die Batterie ermöglicht einen mehrstündigen Dauerbetrieb, während das weiche Design – oft ergänzt durch einen eng anliegenden Textilanzug – darauf ausgelegt ist, in häuslichen und beruflichen Umgebungen eine nicht bedrohliche Präsenz auszustrahlen. Um den Datenschutzbedenken Rechnung zu tragen, die mit dem Einsatz eines kamerabestückten Roboters in privaten Haushalten einhergehen, implementiert das Unternehmen umfassende Privatsphäre-Protokolle und Sicherheitswerkzeuge. Diese sollen sicherstellen, dass die Integration des Roboters in den Alltag die Vertraulichkeit der Nutzer strikt respektiert.
Mit dem Beginn der ersten Auslieferungen auf dem US-Markt im Jahr 2026 verlagert sich der Fokus von 1X Technologies zunehmend auf den großflächigen Einsatz in Industrie und Haushalt. Durch eine strategische Partnerschaft mit der Investmentfirma EQT plant das Unternehmen, bis zum Jahr 2030 tausende Neo-Einheiten in Sektoren wie Logistik, Fertigung und Gesundheitswesen einzusetzen. Während die aktuellen Modelle in hochkomplexen oder unerwarteten Szenarien möglicherweise noch auf Fernüberwachung angewiesen sind, besteht das erklärte Ziel darin, den Grad der autonomen Fähigkeiten im Laufe des Jahres 2026 stetig zu erhöhen. Indem 1X Technologies das globale Archiv menschlicher Bewegungsabläufe in einen virtuellen Klassenraum für künstliche Intelligenz verwandelt, arbeitet das Unternehmen daran zu beweisen, dass die Zukunft der Robotik in der Fähigkeit einer Maschine liegt, zu lernen, sich anzupassen und die Welt schließlich mit einem hohen Maß an Unabhängigkeit zu navigieren.
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Quellen
Business Insider
eWeek
AI Insider
GlobeNewswire
The Robot Report
InvestorPlace
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