Hefe statt Schaf: US-Wissenschaftler entwickeln hochfeste Textilfasern aus Brauereiabfällen

Bearbeitet von: Olga Samsonova

Die Wissenschaft hat eine bahnbrechende Methode vorgestellt, die es ermöglicht, verbrauchte Hefe – ein signifikantes Nebenprodukt der Brau- und Pharmaindustrie – in hochfeste, vollständig biologisch abbaubare Fasern für die Textilherstellung umzuwandeln. Diese Innovation, die ihren Ursprung an der Penn State University hat, markiert einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel in der Definition von „Abfall“. Sie transformiert ein vormals problematisches Material in eine wertvolle, zirkuläre Ressource.

Die Forscher betonen, dass die gewonnenen Garne die mechanische Festigkeit von Naturwolle sogar übertreffen. Dies eröffnet der Modeindustrie den Weg zu einer deutlich nachhaltigeren und verantwortungsvolleren Produktion. Professor Melik Demirel, der Leiter des Projekts, zog hierzu einen anschaulichen historischen Vergleich: Ähnlich wie die Menschen vor 11.000 Jahren Schafe zur Wollgewinnung domestizierten, sei es nun gelungen, die Hefe für die industrielle Textilproduktion zu „zähmen“.

Ein zentraler Pfeiler dieser Innovation ist ihre herausragende Umweltbilanz. Das Verfahren basiert auf der Extraktion von Proteinmolekülen aus den Hefezellen mithilfe des organischen Lösungsmittels NMMO, gefolgt von einer enzymatischen Behandlung. Diese Methode gewährleistet eine beeindruckende Regeneration: Im Produktionszyklus können 99,6 % des Lösungsmittels wiedergewonnen und erneut verwendet werden, was den gesamten ökologischen Fußabdruck signifikant reduziert.

Im Gegensatz zu traditionellen Anbaukulturen wie Baumwolle, die große Mengen an Land und Wasser benötigen, setzt die neue Technologie erhebliche landwirtschaftliche Flächen frei. Dieser Aspekt könnte einen positiven Beitrag zur Lösung von Herausforderungen der globalen Ernährungssicherheit leisten. Auch die wirtschaftliche Attraktivität der Entwicklung ist unbestreitbar. Die Wissenschaftler schätzen, dass die Herstellungskosten für ein Kilogramm der neuen Faser unter 6 US-Dollar liegen könnten. Dies liegt deutlich unter dem aktuellen Marktpreis für Wolle, der typischerweise zwischen 10 und 12 US-Dollar pro Kilogramm schwankt.

Die Technologie hat bereits erfolgreich Pilotversuche in einer Anlage in Deutschland durchlaufen. Dort konnte das Material über 100 Stunden lang kontinuierlich produziert werden, wobei mehr als 450 Kilogramm Proben gewonnen wurden. Die Eigenschaften des Endprodukts, insbesondere Festigkeit und Dichte, lassen sich durch die Beimischung von Zellulose präzise steuern und anpassen. Diese Entwicklung fordert eine tiefere Neubewertung industrieller Produktionszyklen und demonstriert eindrücklich, dass wahrer Wert oft in dem verborgen liegt, was vorschnell als nutzlos verworfen wird. Das Material bereitet sich auf den Massenmarkt vor und lässt die baldige Einführung erster Produkte erwarten, die auf dieser neuen, bewussteren Rohstoffbasis hergestellt werden.

Quellen

  • Scientias.nl

  • Penn State News

  • Biotech Connection Bay Area

  • Kodd Magazine

  • MIT Media Lab

  • EcoWatch

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