
Bildquelle: Ju Young Lee et al., 2026
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Bearbeitet von: Aleksandr Lytviak

Bildquelle: Ju Young Lee et al., 2026
Wissenschaftler des Amsterdam University Medical Center (Amsterdam UMC) haben die erste vollständige dreidimensionale (3D) Kartierung des inneren Nervennetzwerks der Klitoris veröffentlicht. Die Vorabpublikation erfolgte am 20. März 2026 auf bioRxiv, wobei die Arbeit Anfang April 2026 breite Aufmerksamkeit erhielt. Diese Forschung korrigiert langjährige anatomische Vereinfachungen und schließt eine erhebliche Wissenslücke, die durch kulturelle Tabus im Bereich der weiblichen Sexualität entstanden ist.
Die detaillierte Kartierung wurde durch den Einsatz hochmoderner bildgebender Verfahren ermöglicht, insbesondere der Hierarchischen Phasen-Kontrast-Tomographie (HiP-CT), die an der Europäischen Synchrotronstrahlungsanlage (ESRF) in Frankreich durchgeführt wurde. Die Methodik nutzte die Röntgenstrahl-Phasenpropagationstechnik an der extrem brillanten Quelle (EBS) der ESRF, um Auflösungen im Mikrometerbereich zu erzielen. Unter der Leitung von Ju Young Lee gewannen die Forscher Computertomographie (CT)-Scans mittels Synchrotronstrahlung an zwei postmortalen weiblichen Beckenproben von 59 und 69 Jahren. Diese fortschrittliche Bildgebung erlaubte die nicht-invasive Visualisierung von Strukturen bis zu einem Durchmesser von 0,2 Millimetern, was mit herkömmlichen Methoden wie MRT oder Sektion nicht realisierbar war.
Die Analyse enthüllte, dass der Nervus dorsalis clitoridis (DNC), der primäre sensorische Nerv, ein komplexes, baumartiges Verzweigungsmuster innerhalb der Klitoriseichel aufweist, anstatt, wie bisher angenommen, allmählich abzuschwächen. Zu den zentralen Ergebnissen zählt die Identifizierung von fünf großen Nervenstämmen in der Klitoriseichel, deren breiteste Abschnitte zwischen 0,2 und 0,7 Millimetern maßen, bevor sie sich weiter verzweigten. Die Kartierung belegte ferner, dass sich die DNC-Äste bis in das Mons pubis und die Klitorisvorhaut erstrecken, was die bisherige Vorstellung der Innervation dieser Bereiche erweitert. Diese neuen Daten stehen im Gegensatz zu älteren anatomischen Darstellungen, wie der 38. Ausgabe von Gray's Anatomy von 1995.
Die präzise neuroanatomische Grundlage ist für die klinische Praxis von großer Bedeutung, da sie Chirurgen einen entscheidenden Bauplan liefert. Die genaue Kenntnis der Nervenverläufe kann helfen, unbeabsichtigte Nervenschäden bei verschiedenen Eingriffen zu vermeiden. Dazu zählen onkologische Operationen im Beckenbereich, Labioplastiken – ein Eingriff, dessen Zahl zwischen 2015 und 2020 um 70 % gestiegen sein soll – sowie rekonstruktive Chirurgie für Überlebende weiblicher Genitalverstümmelung (FGM), von der laut WHO über 230 Millionen Frauen betroffen sind.
Die Urologin Helen O'Connell von der University of Melbourne, die bereits 1998 zur Anatomie der Klitoris forschte, kommentierte die historische Vernachlässigung des Organs mit der Feststellung, die Klitoris sei von der medizinischen und wissenschaftlichen Gemeinschaft „intellektuell gelöscht“ worden. Diese Forschung stellt einen methodischen Fortschritt dar, der die Lücke zwischen Histologie und Radiologie schließt, indem sie eine nicht-destruktive, mehrskalige Bildgebung ganzer Organe ermöglicht. Während die erste vergleichbare Kartierung des Penis etwa 30 Jahre zuvor erfolgte, bildet diese neue Darstellung der Klitoris nun eine kritische Grundlage, um systematische Wissensdefizite in der Frauengesundheit anzugehen und die chirurgische Präzision zum Schutz der Empfindungsfähigkeit von Patientinnen zu erhöhen. Die Forscher planen weitere Studien zur Unterscheidung sensorischer und autonomer Nerven mittels molekularer Marker.
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