Giorgia Meloni ist überraschend in die Golfstaaten gereist – und dabei geht es nicht um das Protokoll, sondern um eine neue Landkarte europäischer Interessen

Autor: Aleksandr Lytviak

Premierministerin Italiens Giorgia Meloni im Nahen Osten

Italiens Premierministerin Giorgia Meloni hat am 3. April überraschend eine Reise durch die Golfstaaten mit einem Zwischenstopp in Dschidda begonnen. Die Geheimhaltung des Besuchs wurde mit Sicherheitsbedenken begründet, doch seine eigentliche Bedeutung ist klar: Italien versucht gleichzeitig, den Zugang zu Energie zu sichern, die Beziehungen zu den wichtigsten Monarchien der Region zu stärken und vor dem Hintergrund des Krieges um den Iran einen prominenteren Platz in der Diplomatie einzunehmen.

Die erste Station der Route war Saudi-Arabien, wo Meloni mit Kronprinz Mohammed bin Salman zusammentraf. Berichten zufolge standen anschließend Katar und die VAE auf dem Programm; die katarische Botschaft bestätigte separat ihren Besuch in Doha am 4. April, nach dem sie in die Emirate weiterfliegen sollte. In Dschidda erörterten die Parteien nicht nur die bilateralen Beziehungen, sondern auch schwierigere Themen: die militärische Eskalation in der Region, die Freiheit der Schifffahrt, die Energiesicherheit und die Auswirkungen des Konflikts auf die Weltwirtschaft.

Warum ist diese Reise gerade jetzt so wichtig? Weil Europa plötzlich wieder eine alte Wahrheit erkannt hat: Die Geografie gehört nicht der Vergangenheit an. Die Straße von Hormus bleibt eine Ader, durch die Öl, Gas und der Nerv der Weltmarktpreise fließen. Für Italien ist dies besonders sensibel. Vor dem aktuellen Krieg wurden etwa 10 % seines Gasverbrauchs durch katarisches Flüssigerdgas (LNG) gedeckt, während Öl aus dem Nahen Osten etwa 12 % der Importe ausmachte. Reuters berichtet, dass Rom bereits mit einer Verlängerung der Lieferpause für einen Teil der LNG-Ladungen aus der Region für den Zeitraum von April bis Mitte Juni konfrontiert ist. Das bedeutet, dass Melonis Besuch keine Geste der Höflichkeit war, sondern eine Reise in eine Zone, in der die Bedingungen für die europäische Energiestabilität derzeit neu geschrieben werden.

Es gibt noch eine zweite Ebene – die politische. Laut Reuters ist dies der erste Besuch eines EU-Führers in Saudi-Arabien seit Beginn der aktuellen Phase des Krieges Ende Februar. Die katarische Seite bezeichnete die Reise zudem als den ersten Besuch eines Staats- oder Regierungschefs eines G7/G20-Landes in der Region seit Beginn des Konflikts. In solchen Formulierungen ist nicht nur das diplomatische Prestige wichtig. Sie zeigen, dass Italien kein Beobachter, sondern ein Vermittler und nützlicher Partner sein will: ein Land, das in der Lage ist, mit Washington und den arabischen Hauptstädten zu sprechen und gleichzeitig die eigene Wirtschaft zu schützen.

Was ist das für eine Geste – diplomatische Solidarität oder kaltes Kalkül? Tatsächlich ist es beides. Meloni ist gekommen, um Saudi-Arabien, Katar und den VAE angesichts der iranischen Angriffe Unterstützung zu signalisieren, doch gleichzeitig löst sie eine ganz profane Aufgabe: Wie lässt sich verhindern, dass der Nahostkrieg für Europa zu einem weiteren Preissprung, zu Engpässen und politischer Nervosität führt?

In diesem Sinne ist ihre Tour kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Europa lernt wieder einmal, dass Sicherheit, Energie und Diplomatie nicht mehr in getrennten Ordnern abgelegt werden können.

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Quellen

  • streetinsider

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