Der Sturm von William Shakespeare Fassung von Adewale Teodros Adebisi
Wenn Shakespeare mit der Stimme des 21. Jahrhunderts singt: Eine Symbiose im Schauspiel Leipzig
Bearbeitet von: Inna Horoshkina One
Am 7. Februar 2026 verwandelt sich das Schauspiel Leipzig in einen Ort, an dem die herkömmliche Linearität der Zeit aufgehoben scheint. Mit der Premiere der Inszenierung „Was ihr wollt (A Tortured Lover’s Version)“ wird dem Publikum weit mehr als eine bloße Neuinterpretation von Shakespeares Klassiker geboten. Es handelt sich um einen markanten Berührungspunkt zweier poetischer Epochen, die zwar durch Jahrhunderte getrennt, aber durch den universellen Klang der Emotionen untrennbar miteinander verbunden sind.
Die Regisseurin Pia Richter verwebt in dieser Produktion die zeitlose Komödie von William Shakespeare mit den musikalischen und lyrischen Codes von Taylor Swift. Dabei fungieren Swifts Werke weder als dekoratives Zitat noch als einfache Illustration der Handlung. Vielmehr werden sie als innerer Rhythmus der Gefühle eingesetzt, der die tiefsten Regungen der Charaktere widerspiegelt. Es ist die faszinierende Transformation eines klassischen Sonetts in die Form eines modernen Songs.
Shakespeare artikulierte die Liebe einst in der strengen Struktur des Sonetts – geprägt von innerer Spannung und der charakteristischen „Volta“, jenem Wendepunkt, an dem die Bedeutung plötzlich eine neue Richtung einschlägt. Taylor Swift nutzt in ihrer zeitgenössischen Pop-Poesie ein ganz ähnliches Instrumentarium. Ihre Texte bewegen sich beständig auf dem schmalen Grat zwischen intimen Geständnissen und quälenden Zweifeln, zwischen der Maskerade des Alltags und der radikalen Offenbarung des Ichs.
Dabei wird deutlich, dass es sich bei dieser Gegenüberstellung nicht um eine Kopie handelt, sondern um die Darstellung ein und derselben Erfahrungsstruktur. Es ist das menschliche Empfinden von Verlangen und Unmöglichkeit, das lediglich in den Ausdrucksformen unterschiedlicher Jahrhunderte festgehalten wurde. Die emotionale Essenz bleibt über die Zeit hinweg konstant, auch wenn sich die sprachlichen Mittel wandeln.
Das berühmte Liebesdreieck zwischen Viola, Orsino und Olivia gewinnt in dieser speziellen Leipziger Fassung eine völlig neue Resonanz. Die Inszenierung löst sich von der reinen „Verwechslungskomödie“ und präsentiert stattdessen eine präzise Kartografie emotionaler Zustände des Menschen im 21. Jahrhundert. In dieser Welt ist Identität fließend, Liebe zeigt sich in komplexen Schichten, und jede Stimme sucht verzweifelt nach einer Form, um in der modernen Geräuschkulisse gehört zu werden.
Das Schauspiel Leipzig unter der Leitung von Intendant Enrico Lübbe hat sich über die Jahre als ein lebendiger städtischer Resonanzraum etabliert. Es ist ein Ort, an dem die Klassik nicht in Archiven verstaubt, sondern aktiv atmet und sich weiterentwickelt. Diese Produktion führt die konsequente Linie des Hauses fort, in der ästhetische Vielfalt als notwendiges Mittel begriffen wird, um einen relevanten Dialog mit der unmittelbaren Gegenwart zu führen.
In diesem Kontext ist die Musik keine bloße Begleiterscheinung, sondern die eigentliche treibende Kraft der gesamten Erzählung. Sie erschafft weite emotionale Landschaften, in denen sich die Zuschauer unmittelbar selbst wiederfinden können. Es geht um die Darstellung eigener Brüche, Hoffnungen und jener inneren Monologe, die vielleicht schon vor Jahrhunderten niedergeschrieben wurden – damals nur mit anderen Worten und in einem anderen Metrum.
Was fügt dieses kulturelle Ereignis dem globalen Klanggefüge hinzu? Wir erleben hier nicht nur eine oberflächliche Begegnung zwischen Shakespeare und Swift, sondern eine tiefgreifende Erinnerung der Form. Es zeigt sich, dass die Kunst über die Grenzen der Zeit hinweg eine gemeinsame Sprache spricht, wenn es um die Kernfragen der menschlichen Existenz geht.
Wenn verschiedene Jahrhunderte über die gleichen Themen sprechen – über die schmerzhafte Suche nach sich selbst, über die Liebe und über den Mut, sich der Welt ungeschützt zu zeigen – dann finden sie unweigerlich einen gemeinsamen Rhythmus. Diese Inszenierung im Schauspiel Leipzig ist der lebendige Beweis dafür, dass die poetische Kraft der Vergangenheit und die musikalische Energie der Gegenwart denselben Ursprung haben.
Quellen
TZ - Torgauer Zeitung
LVZ - Leipziger Volkszeitung
Schauspiel Leipzig
Eventim
Schauspiel Leipzig
viagogo
urbanite.net
Was ihr wollt - (A Tortured Lover's Version) - Schauspiel Leipzig - KölnTicket
Premiere - Was ihr wollt - (A Tortured Lover's Version) - Stadt Leipzig
Was ihr wollt (A Tortured Lover's Version), by William Shakespeare German by Jens Roselt Version by Pia Richter and Julia Buchberger - 07.02.2026, 19:30 | Schauspiel Leipzig
Was ihr wollt (A Tortured Lover's Version) – Schauspiel Leipzig | urbanite.net
Was ihr wollt (A Tortured Lover's Version) - twotickets
