Die Tiefe als Sprache: Eine Künstlerin übersetzt den Ozean

Autor: Inna Horoshkina One

SUBSEA Teil 1 - Tag der offenen Tür | Live aus dem R/V Falkor (auch)

Die Künstlerin Richelle Ellis reiste nicht als Beobachterin, sondern als Übersetzerin zu einer Expedition in den Südatlantik. Sie suchte nicht nach neuen Spezies, sondern nach einem Weg, das Unsichtbare jenseits unserer gewöhnlichen Wahrnehmung zu erfassen. Ihre Aufgabe bestand nicht darin, den Ozean zu vermessen, sondern seine Prozesse zu fühlen und ihnen eine Form zu geben.

Eine seltene Erscheinung aus den tropischen und subtropischen Tiefen: Dieses durchsichtige Wesen leuchtet mit feiner Biolumineszenz und trägt zu seiner geisterhaften Schönheit bei.

Schon seit ihrer Kindheit faszinierten sie komplexe Muster. Der entscheidende Impuls kam, als sie die Erde aus der Vogelperspektive betrachtete und spürte, wie Landschaften, Wolken, Flüsse und Strömungen untrennbar miteinander verwoben sind.

Seither bewegt sich ihre Arbeit zwischen zwei Sphären: der Erdumlaufbahn und der Meerestiefe. Für sie stellen diese keine Gegensätze dar, sondern sind vielmehr Spiegelbilder eines einzigen, zusammenhängenden Systems.

Während der Expedition des Schmidt Ocean Institute arbeitete sie Seite an Seite mit Wissenschaftlern, die einen der größten lebenden Mechanismen des Planeten erforschten – den subtropischen Wirbel im Südatlantik. Während die technischen Instrumente präzise Daten über Partikelbewegungen, den Nährstoffaustausch und den Kohlenstofftransport erfassten, beobachtete sie den Rhythmus, die Wiederholung und die tieferliegenden Verbindungen.

Ihr Handwerkszeug besteht aus weit mehr als nur einem Pinsel. Sie arbeitet mit folgenden Elementen:

  • Satellitenbildern
  • ozeanografischen Datensätzen
  • Materialien, die durch physikalische Kräfte wie Druck, Licht und Zeit verändert wurden

So erschafft sie Formen, die für das bloße Auge unsichtbar bleiben. Dabei geht es nicht um die bloße Illustration wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern um den Versuch, die Wissenschaft von innen heraus spürbar zu machen.

Je tiefer man vordringt, desto weniger Raum bleibt für den Zufall. Im Ozean manifestiert sich dies in Strömungssystemen, im Kosmos in der Struktur der Galaxien und im Menschen als Erweiterung der Wahrnehmung. Hier offenbart sich ein uraltes Prinzip: Verbindungen wiederholen sich auf verschiedenen Ebenen.

Dies geschieht nicht im wörtlichen Sinne, sondern als Rhythmus. Wir erschaffen diese Welten nicht, aber indem wir unsere Wahrnehmung schärfen, beginnen wir, sie zu erkennen. In diesem Moment hört Tiefe auf, eine reine Distanz zu sein; sie wird zu einer neuen Art des Sehens.

Während wir erst lernen, diese Verbindungen zu begreifen, steht die Welt bereits vor weitreichenden Entscheidungen. Tiefseebergbau und Eingriffe in maritime Ökosysteme könnten Strukturen gefährden, die über Jahrtausende entstanden sind. Aus diesem Grund ist tiefes Verständnis kein Luxus mehr, sondern eine existenzielle Notwendigkeit.

In die Tiefe zu gehen bedeutet weit mehr, als nur unter die Oberfläche abzutauchen. Es bedeutet, innezuhalten, genau hinzusehen und der Welt zu erlauben, sich in einer neuen Dimension zu offenbaren. Vielleicht entsteht genau dort – zwischen Licht und Schatten, zwischen Forschung und Empfindung – eine völlig neue Sichtweise.

Auf diese Weise erhält Wissenschaft eine Gestalt, Tiefe wird zu einer unmittelbaren Erfahrung und das Verborgene rückt endlich in greifbare Nähe.

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