Von traditionellen Baolis zur futuristischen Architektur: Die Prestige University in Indore

Autor: Ek Soshnikova

Das wegweisende Architekturprojekt der Prestige University in Indore, Indien, entworfen von dem renommierten Büro Sanjay Puri Architects, stellt eine innovative Campus-Struktur dar, die tief verwurzelte indische Bautraditionen mit modernsten ökologischen Standards verknüpft. Das im Januar 2026 fertiggestellte Bauwerk gilt heute als ein herausragendes Beispiel für klimaadaptives Design, das speziell auf die extremen Bedingungen einer heißen Region zugeschnitten ist. Durch die geschickte Verbindung von Ästhetik und Funktionalität ist ein Raum entstanden, der sowohl akademische Exzellenz als auch ökologische Verantwortung verkörpert.

Die grundlegende Konzeption und die markante Formgebung des Gebäudes lassen sich auf die historischen Stufenbrunnen Indiens zurückführen, die als „Baolis“ oder „Baoris“ bekannt sind. Diese architektonischen Wunderwerke sind typisch für die wasserarmen Gebiete von Gujarat, Rajasthan und Delhi. Ursprünglich handelte es sich dabei um tiefe, oft 20 bis 30 Meter in den Boden reichende Reservoire zur Sammlung von Regen- und Grundwasser, deren Innenwände mit durchgehenden Treppenfluchten versehen waren. Über ihre Funktion als Wasserspeicher hinaus dienten Baolis während der Monsunzeit als soziale Zentren; ihre oberen Galerien und Pavillons boten kühle Rückzugsorte für Versammlungen, religiöse Rituale und Gebete. Die Blütezeit dieser oft prachtvoll mit Schnitzereien und Götterstatuen verzierten Bauwerke erstreckte sich vom 2. bis zum 19. Jahrhundert.

Das Universitätsgebäude erstreckt sich über ein beeindruckendes Areal von 32 Acres (ca. 13 Hektar), wobei der eigentliche Campus eine Fläche von 30.843 m² einnimmt. Die Struktur erhebt sich über fünf Ebenen und erreicht eine Gesamthöhe von 28 Metern. Die Architekten implementierten eine markante, abgestufte Gebäudeform, die diagonal von Norden nach Süden ansteigt. Diese gestalterische Entscheidung dient nicht nur der visuellen Auflockerung der massiven Baumasse, sondern erzeugt zudem den faszinierenden Effekt von „schwebenden“ Terrassen, die sich harmonisch in die Umgebung einfügen.

Ein zentrales Element des Entwurfs ist das Dach, das in ein monumentales, offenes Amphitheater verwandelt wurde. Mit insgesamt 463 Plattformen auf einer Fläche von 9.000 m² fungiert dieser Bereich als dynamischer öffentlicher Raum für Vorlesungen, informelle Treffen und Erholung. Diese vertikale Erweiterung des Campus-Lebens macht das Dach zum pulsierenden Herzen der Universität und bietet den Studierenden eine einzigartige Perspektive auf ihre Lernumgebung.

Der Gebäudekomplex bündelt vielfältige Funktionen unter einem Dach, darunter administrative Büros, Hörsäle, Seminarräume, eine Bibliothek, eine Cafeteria sowie klassische Unterrichtsräume. Die Innenräume werden durch offene, landschaftlich gestaltete Innenhöfe gegliedert, die eine natürliche Belichtung aus dem Norden sowie eine effiziente Belüftung sicherstellen. Die diagonale Nord-Süd-Ausrichtung der Galerien trägt der achtmonatigen Hitzeperiode Rechnung, in der die Temperaturen regelmäßig zwischen 30 und 40 °C liegen. Hierbei greifen mehrere ökologische Mechanismen ineinander:

  • Begrünte Terrassen reduzieren die direkte Sonneneinstrahlung und damit die Aufheizung des Gebäudes.
  • Die strategisch platzierten Innenhöfe minimieren die Abhängigkeit von Klimaanlagen und künstlichem Licht.
  • Ein System aus Rampen macht das gesamte Areal barrierefrei und für alle Besucher zugänglich.

Das Projekt, das bereits im Jahr 2019 als Finalist beim World Architecture Festival internationale Anerkennung fand, spiegelt die Kernphilosophie des Studios Sanjay Puri wider: die nahtlose Integration der Landschaft in die Architektur zur Maximierung der Energieeffizienz. Die Prestige University ist somit weit mehr als nur ein funktionales Bauwerk; sie ist eine „vertikale Landschaft“, die zeigt, wie die moderne Architektur Indiens aus der Weisheit der Vergangenheit schöpft, um eine nachhaltige Zukunft zu gestalten. Dieses Projekt dient als Inspiration für ähnliche architektonische Lösungen in anderen klimatisch herausfordernden Regionen der Welt.

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Quellen

  • Aarchdaily

  • Ixbt

  • Goldtrezzini

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