Eine 360°-Kamera im Herzen des Eises: GreenDrill-Bohrungen lesen Grönlands Gedächtnis und die Zukunft des Klimas.
Grönland: Lichtspuren unter dem Eis
Bearbeitet von: Inna Horoshkina One
Die wissenschaftliche Gemeinschaft erhielt Ende 2025 oder Anfang 2026 eine aufschlussreiche Nachricht aus Nordwest-Grönland. Daten des GreenDrill-Projekts lieferten den Beleg dafür, dass der Prudhoe Dome Eisschild in der Epoche des frühen Holozäns, genauer gesagt vor etwa 7.000 bis 8.200 Jahren, vollständig verschwunden war. Diese bedeutenden Forschungsergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Nature Geoscience publiziert.
Ein internationales Forschungsteam, bestehend aus Wissenschaftlern der University at Buffalo und der Columbia University (Lamont-Doherty Earth Observatory), führte im Rahmen einer Expedition im Jahr 2023 Bohrungen bis zum Grundgestein des Eises durch. Die Bohrtiefe erreichte dabei beachtliche 509 bis 516 Meter. Aus diesen Tiefen konnten Sedimente sowie Gesteinskernproben mithilfe spezieller Bohrsysteme geborgen werden.
Der entscheidende analytische Ansatz war die sogenannte Lumineszenzdatierung. Dieses Verfahren macht sich zunutze, dass Minerale eine Art „Gedächtnis“ für die letzte Exposition gegenüber Sonnenlicht besitzen. Die Analyse dieser Proben ergab, dass das Erdreich in der fraglichen Zeitspanne von ungefähr 6.000 bis 8.200 Jahren dem Licht ausgesetzt war. Dies bestätigt eindrücklich, dass die Eisbedeckung an dieser Stelle damals gänzlich abwesend war.
Die Relevanz aktueller Erkenntnisse
Die damaligen Sommererwärmungen in dieser Region Grönlands werden auf etwa +3 bis +5°C über dem Niveau kälterer Perioden geschätzt. Diese Erwärmungsamplitude ist bemerkenswert, da sie mit den Szenarien übereinstimmt, die Klimamodelle für das Ende des 21. Jahrhunderts unter Berücksichtigung der aktuellen anthropogenen Erwärmung prognostizieren. Anders ausgedrückt: Das Szenario der Vergangenheit könnte sich als das unmittelbare Zukunftsszenario erweisen.
Implikationen für den Meeresspiegel
Basierend auf diesen Befunden lassen sich Schätzungen ableiten, die darauf hindeuten, dass ein derartiger Rückzug der anfälligen nördlichen Abschnitte des Eisschildes einen Beitrag zum globalen Meeresspiegelanstieg zwischen 0,19 und 0,73 Metern leisten könnte. Diese Spanne hängt naturgemäß von den zugrunde liegenden Modellen und den jeweiligen Szenarien ab.
Was diese Entdeckung für unser Verständnis bedeutet
Diese Forschungsergebnisse verleihen unserem Verständnis der Erdgeschichte eine wichtige Dimension der Wiedererkennbarkeit: Unser Planet hat solche Zustände bereits durchlebt. Es handelt sich hierbei nicht um eine ferne, hypothetische Vorhersage, sondern um eine belegte Tatsache. Der Eisschild hat unter einem „mäßig wärmeren“ Klima bereits einmal kapituliert und konnte diese Rückzugslage über Jahrtausende hinweg stabilisieren. Dies markiert nicht das Ende des Eises, sondern vielmehr den Beginn eines tieferen Verständnisses seiner Dynamik.
Die gewonnenen Daten sind ein wichtiger Baustein, um die Sensitivität des grönländischen Eisschildes gegenüber Temperaturschwankungen besser einschätzen zu können. Sie helfen dabei, die Prozesse zu kalibrieren, die bei zukünftigen Erwärmungsphasen ablaufen werden, und bieten somit eine historische Referenz für aktuelle Klimamodellierungen.
Quellen
Nature
Nature
Falling ice drives glacial retreat in Greenland | ETH Zurich
Holocene deglaciation of Prudhoe Dome, northwest Greenland - EarthArXiv
Research Reveals Greenland Ice Cap Vanished 7000 Years Ago - Mirage News
Greenland ice sheet - Wikipedia
Ocean warming drove past Greenland ice stream retreat - Space Daily
ICOS
Future Earth
PMC - NIH
ACCESS-Hive Forum
