Progressive Pädagogik: Kinderliteratur als Brücke für staatsbürgerliches Bewusstsein und Friedensstiftung

Bearbeitet von: Olga Samsonova

Progressive Bildungskonzepte betonen die zentrale Rolle der Kinderliteratur bei der Kultivierung des staatsbürgerlichen Bewusstseins und der Förderung des Dialogs zur Konfliktvermeidung. Diese Haltung ist tief in der Vision von Jella Lepman verwurzelt, einer deutschen jüdischen Journalistin, die während der NS-Zeit nach London emigrieren musste. Nach ihrer Rückkehr im Jahr 1945 wirkte sie im Rahmen des Re-Education-Programms der amerikanischen Besatzungsmächte als Beraterin für kulturelle und erzieherische Belange von Frauen und Kindern.

Lepman sah Kinder- und Jugendliteratur als das geeignetste Medium zur Vermittlung interkulturellen Verständnisses und demokratischer Werte an die junge Generation. Ihr Engagement mündete in der Gründung der Internationalen Jugendbibliothek (IJB) in München im Jahr 1949, die mit über 8.000 Bänden startete und heute als die weltweit größte Spezialbibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur gilt. Die Grundlage hierfür bildete die von ihr 1946 im Haus der Kunst organisierte erste internationale Kinderbuchausstellung nach dem Krieg, die auf die Heilung traumatisierter Kinder und die Entgiftung von nationalsozialistischer Indoktrination abzielte.

Lepmans Überzeugung, Bücher seien „Nahrung für den Geist“, führte sie 1953 zur Gründung des Internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch (IBBY), einem globalen Netzwerk zur Förderung der Kinderliteratur, das heute rund 80 nationale Sektionen umfasst. Lepman leitete die IJB bis 1957 und etablierte damit eine Institution, die sich der Bewahrung kultureller Vielfalt widmet und den interkulturellen Austausch fördert. Für ihre Arbeit wird sie mit der Jella-Lepman-Medaille geehrt.

Die pädagogische Ausrichtung, Literatur als Friedensinstrument zu nutzen, findet eine moderne Entsprechung in Initiativen wie dem Internationalen Turnier „Città della Pace“ in Rovereto, Italien. Dieses Turnier, das alljährlich über Ostern stattfindet, feiert im Jahr 2026 seine nächste Auflage vom 3. bis 5. April und bringt junge Athleten zusammen, um Werte wie Frieden und Geselligkeit zu zelebrieren. Die Stadt erinnert zudem mit der Friedensglocke Maria Dolens an die Opfer des Ersten Weltkriegs, deren hundertmaliges Läuten täglich eine Botschaft des universellen Friedens senden soll.

Diese Betonung des Friedens korrespondiert mit literarischen Werken, die Lepman inspirierten, wie Erich Kästners antiautoritärem Roman „Die Konferenz der Tiere“. Kästner, ein enger Freund Lepmans, verfasste das Werk auf ihre Anregung hin, wobei es 1949 im Schweizer Europa Verlag erstveröffentlicht wurde. Der Roman thematisiert eine Konferenz der Tiere, die den Weltfrieden erzwingen, weil die menschlichen Regierungen an selbstverschuldeten Problemen scheitern, unter dem zentralen Motto: „Es geht um die Kinder“.

Progressive Pädagogen, gestützt auf Theoretiker wie Müge Olğun Baytaş und Stephanie Schroeder, sehen in der Lektüre solcher Texte die Vermittlung von Bürgerschaft als aktive Teilnahme an der Gestaltung des Gemeinwesens. Bürgersein wird hierbei als die Fähigkeit verstanden, Probleme zu lösen und Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Die IJB, die heute in Schloss Blutenburg beheimatet ist, pflegt dieses Erbe, indem sie Kinder- und Jugendliteratur als Träger universeller Werte wie Toleranz und Völkerverständigung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt.

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Quellen

  • Vita Trentina

  • Vita Trentina

  • Patto per la Lettura di Rovereto

  • Crushsite.it

  • Eventi | IBBY Italia

  • l'Adige

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