Eine einzige Nacht Schlaf enthüllt Risiken für 130 Krankheiten: Wie die KI SleepFM von Stanford funktioniert

Autor: gaya ❤️ one

Stellen Sie sich vor, die herkömmliche nächtliche Polysomnographie – jene „Goldstandard“-Nacht im Schlaflabor mit Dutzenden Kabeln an Kopf, Brust und Beinen – könnte nicht nur Auskunft über Schlafapnoe und Schlafqualität geben, sondern auch vor ernsthaften Erkrankungen warnen, die erst in 5, 10 oder sogar 15 Jahren auftreten werden. Genau das behaupten Wissenschaftler der Stanford University in einer Studie, die im Januar 2026 in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlicht wurde.

Ein Team unter der Leitung von Emmanuel Mignot, einem der weltweit renommiertesten Schlafforscher, und James Zou hat SleepFM entwickelt. Hierbei handelt es sich um ein großes, „fundamentales“ KI-Modell, dessen Philosophie modernen Sprachmodellen wie ChatGPT ähnelt. Der entscheidende Unterschied: Anstatt Text zu „lesen“, interpretiert SleepFM physiologische Schlafsignale.

Die Grundlage bildete ein gewaltiger Datenpool: nahezu 585.000 Stunden an Polysomnographie-Aufzeichnungen, gesammelt von rund 65.000 Probanden aus verschiedenen Kohorten (die größte Quelle ist das 25-jährige Archiv des Stanford Center for Sleep Medicine). Diese Daten umfassen jede Nacht Gigabytes an Informationen: EEG des Gehirns, EKG des Herzens, Atemflüsse, Sauerstoffsättigung, Augen- und Beinbewegungen sowie Muskeltonus.

Normalerweise werden derartige Daten sehr isoliert genutzt: Ein Modell zur Bestimmung der Schlafstadien, ein anderes zur Zählung von Apnoen, ein drittes für einen spezifischen Zweck. Die Stanford-Forscher verfolgten jedoch einen anderen Ansatz. Sie trainierten das Modell darauf, die Körpersprache während des Schlafs selbstständig zu verstehen, ohne dass Ärzte Tausende von Diagnosen manuell annotieren mussten. SleepFM analysiert Herz, Atmung und Muskulatur und lernt daraus, die Gehirnaktivität zu rekonstruieren (und umgekehrt). Dieser erzwungene „Kreuzverhör“ der Signale ermöglicht es der KI, tiefere physiologische Zusammenhänge zu erkennen.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Anhand einer einzigen Nacht Schlaf kann das Modell das Risiko für über 130 verschiedene Krankheiten mit guter Genauigkeit vorhersagen (C-Index von 0,75 oder höher, bei vielen Zuständen sogar >0,80–0,89). Besonders präzise sind die Vorhersagen für folgende Bereiche:

  • Neurodegenerative Erkrankungen – Demenz (ca. 0,85), Parkinson (ca. 0,89)
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen – Myokardinfarkt (ca. 0,81), Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz, hypertensive Herzkrankheit
  • Onkologische Erkrankungen – bestimmte Krebsarten (Prostata, Brust und andere – bis zu 0,87–0,89)
  • Zusätzlich Schlaganfall, chronische Nierenerkrankungen, Schwangerschaftskomplikationen, psychische Störungen und sogar die allgemeine Sterblichkeit.

Ein wichtiger technischer Aspekt ist die Robustheit des Modells gegenüber unterschiedlichen Sensoren und Aufnahmequalitäten. Sollte ein Kanal Rauschen aufweisen oder ganz fehlen, verlagert SleepFM seine Aufmerksamkeit auf andere Signale und funktioniert dennoch zuverlässig. Dies macht das System für zukünftige Anwendungen wesentlich praxisnäher.

Die Aussichten sind in der Tat vielversprechend. Momentan ist SleepFM auf den „Goldstandard“ der klinischen Polysomnographie geeicht. Die Autoren betonen jedoch, dass ähnliche Modelle bald breite Anwendung finden könnten, sofern die Signalqualität von tragbaren Geräten (Smartwatches, Ringe, Brustgurte, Heimtracker) weiter zunimmt.

Somit stellt der nächtliche Schlaf mehr als nur eine „Neustart“-Phase dar; er fungiert als eine natürliche, kostenlose und äußerst informative „Vorsorgeuntersuchung“ des gesamten Organismus. Es ist denkbar, dass in wenigen Jahren die Aufforderung „Machen Sie eine Polysomnographie“ ähnlich alltäglich klingt wie heute „Lassen Sie ein Blutbild machen“ – nur eben ohne Nadeln und mit weitaus mehr Erkenntnissen.

Bis zur breiten Markteinführung ist es zwar noch ein weiter Weg – es bedarf großer unabhängiger Validierungen, regulatorischer Genehmigungen und der Anpassung an Wearables. Dennoch ist die Richtung, die hier eingeschlagen wurde, außerordentlich kraftvoll. Der Schlaf könnte sich tatsächlich zum neuen, unverzichtbaren „Vitalparameter“ des 21. Jahrhunderts entwickeln.

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Quellen

  • Stanford

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