Hippocampus fungiert als prädiktives System: Neue Forschung definiert Gedächtnis neu

Bearbeitet von: Elena HealthEnergy

Der Hippocampus fungiert als prädiktives System

Aktuelle Forschungsergebnisse stellen die traditionelle Auffassung des Gedächtnisses als reines Archiv vergangener Erlebnisse fundamental in Frage. Im Zentrum dieser Neubewertung steht der Hippocampus, eine für Erinnerung und räumliche Orientierung essenzielle Hirnstruktur, die dem Neuroforscher Mark Brandon zufolge primär dazu dient, zukünftige Ereignisse vorauszuberechnen und ein internes Weltmodell kontinuierlich zu aktualisieren. Die Arbeit, die im Fachjournal Nature veröffentlicht wurde, wurde federführend vom Brandon Lab der McGill University in Zusammenarbeit mit der Harvard University durchgeführt. Diese Erkenntnis eröffnet tiefgreifende Implikationen für das Verständnis kognitiver Prozesse und die Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze bei neurologischen Erkrankungen.

Der Kern dieser Theorie besagt, dass das Gedächtnis aktiv Muster lernt, um vorherzusagen, was als Nächstes geschehen wird, wobei es sich primär durch die Differenz zwischen Erwartung und tatsächlichem Eintreten – den sogenannten Vorhersagefehlern – verfeinert. Mark Brandon, assoziierter Professor für Psychiatrie an der McGill und Forscher am Douglas Research Centre, betont, dass dieses interne Modell der Welt nicht statisch sei, sondern täglich neu justiert werde. Im Alltag manifestiert sich dieser Mechanismus in subtilen Anpassungen, wie der unbewussten Korrektur des Gangbilds, um ein zuvor erlebtes Hindernis künftig zu umgehen. Diese ständige Modellpflege ermöglicht eine adaptive Navigation durch die Umwelt.

Um diesen dynamischen Prozess sichtbar zu machen, setzte das Forschungsteam um Brandon hochentwickelte bildgebende Verfahren ein, um die Aktivität hippocampaler Neuronen bei Mäusen während Aufgaben des belohnungsbasierten Lernens über mehrere Wochen hinweg zu protokollieren. Die Technik ließ aktive Neuronen bildlich „aufleuchten“, wodurch die Verschiebung der Aktivitätsmuster über die Zeit nachvollzogen werden konnte. Ursprünglich korrelierte die neuronale Spitzenaktivität mit dem Erhalt der Belohnung, doch im Verlauf der Lernphase verlagerte sich dieser Gipfel zeitlich vor, noch bevor das Tier das Ziel erreichte. Diese zeitliche Verschiebung beweist, dass die Neuronen bereits feuern, wenn das Gehirn das Ergebnis antizipiert, was die Funktion des Gedächtnisses als vorausschauendes System untermauert. Diese Beobachtungen liefern konkrete neuronale Korrelate für Konzepte wie das Pawlowsche Konditionieren und stehen im Einklang mit Vorhersagen aus Modellen des Temporal Difference Learning. Die Arbeit von Brandon und seinen Kollaborateuren, zu denen auch Dr. Sylvain Williams vom Douglas Research Centre und die Gruppe von Dr. Cengiz Pehlevan von Harvard gehören, verankert die Vorstellung des Gedächtnisses als fundamentalen Mechanismus zur Zukunftsgestaltung.

Die klinische Relevanz dieser Entdeckung ist besonders signifikant im Hinblick auf neurodegenerative Erkrankungen, die den Hippocampus stark beeinträchtigen, wie beispielsweise die Alzheimer-Krankheit. Es wird postuliert, dass das Problem bei Alzheimer nicht nur im Vergessen der Vergangenheit liegt, sondern im Verlust der Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen und zukünftige Ereignisse vorherzusehen. Studien belegen, dass eine schnellere Schrumpfung des Hippocampus mit einem schnelleren kognitiven Rückgang assoziiert ist. Die Störung dieser prädiktiven Funktion könnte die frühen Schwierigkeiten bei Entscheidungsfindung und Lernen bei Alzheimer-Patienten erklären. Das Verständnis dieser Form der Hirnplastizität eröffnet neue Wege für Therapien, die darauf abzielen, die Kapazität des Gehirns zur Aktualisierung seines Weltmodells wiederherzustellen und somit die Vorhersagefehler zu minimieren. Die Forschung liefert somit einen essenziellen Beitrag zur Neurowissenschaft, indem sie die Brücke zwischen der Speicherung von Kontextkarten und der adaptiven Verhaltenssteuerung schlägt.

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Quellen

  • Gizmodo en Español

  • Neuroscience News

  • EurekAlert!

  • Newsroom (McGill University)

  • The Douglas Research Centre

  • National Today

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