Warum die neue Generation wieder Bach wählt

Autor: Inna Horoshkina One

Deeply Human BACH-BUSONI Chaconne BWV 1004 für Klavier Morgan Icardi

Der Pianist und Dirigent Morgan Icardi bereitet die Veröffentlichung seines zweiten Studioalbums GOLDBERG VARIATIONS vor, dessen Release für den 17. April 2026 beim Label Musica Viva / Egea Music geplant ist. Im Zentrum der Aufnahme steht eine Klavierinterpretation eines der konzentriertesten Werke von Johann Sebastian Bach.

Diese Veröffentlichung setzt die Linie seines Debütalbums Mozart Across Boundaries (2021) fort, geht jedoch einen Schritt tiefer – in den Raum der inneren Zeit.

Nach Aussage des Musikers entspringt die Wahl Bachs dem Wunsch, einen Dialog zwischen Vergangenheit und Moderne zu schaffen und die Zuhörer an die Fähigkeit der Musik zu erinnern, die Aufmerksamkeit wieder auf den Akt des Hörens selbst zu lenken.

Dies erscheint heute besonders aktuell.


✦ Keynote Nr. 1 — Bach als Musik der Konzentration

Die Goldberg-Variationen werden selten zufällig gewählt.

Dies ist keine konzertante Geste. Es ist ein Akt innerer Disziplin.

Bachs Musik verlangt nach:

Stille
Aufmerksamkeit
Atem
Zeit

Daher wird die Interpretation dieses Zyklus immer häufiger als eine Form des Widerstands gegen die Beschleunigung der modernen Welt wahrgenommen. Nicht gegen sie – sondern in ihr.


✦ Keynote Nr. 2 — Warum gerade die „Goldberg Variations“

Die Goldberg Variations sind ein Werk über Struktur. Aber nicht nur im musikalischen Sinne.

Es ist eine Architektur der Erinnerung.

Ein Thema kehrt immer wieder zurück – verändert, vertieft, sich anders erschließend. In diesem Sinne gleicht der Zyklus der Bewegung des Bewusstseins, das inmitten des Wandels nach Beständigkeit sucht.

Für einen Interpreten des 21. Jahrhunderts ist dies eine besonders wichtige Geste: der Musik ihrer Epoche nicht mehr Eile aufzuerlegen, sondern ihr die zeitliche Tiefe zurückzugeben.


✦ Keynote Nr. 3 — Klavier statt Cembalo

Ursprünglich wurde der Zyklus für das Cembalo geschrieben. Die Wahl des Klaviers stellt heutzutage bereits eine eigene Interpretation dar.

Das Klavier fügt hinzu:

Atem
Abstufungen des Klanggewichts
räumliche Tiefe

So beginnt Bach nicht wie eine museale Form, sondern wie ein zeitgenössisches Gespräch zu klingen.


✦ Keynote Nr. 4 — Bach als Dialog mit dem Zeitalter der Geschwindigkeit

Morgan Icardi spricht über Bachs Musik als eine Einladung, innezuhalten und die Zeit neu zu hören.

Dies ist ein wesentlicher Gedanke. Heutzutage begleitet Musik immer öfter lediglich die Bewegung.

Bach hingegen führt den Hörer zurück zur Präsenz.

Und genau deshalb erscheinen in verschiedenen Jahrzehnten immer wieder neue Aufnahmen der Goldberg Variations: Jede Epoche hört in ihnen ihre eigene Fragestellung.


✦ Keynote Nr. 5 — Die junge Generation und die Wahl Bachs

Besonders interessant ist, dass sich ein junger Musiker diesem Zyklus zuwendet.

Icardi, der seine Klavierausbildung im Alter von fünf Jahren in Los Angeles begann, später auch am Massachusetts Institute of Technology studierte und den Ferenc Fricsay Conducting Workshop & Competition (2022) gewann, verbindet das analytische Denken eines Dirigenten mit der kammermusikalischen Konzentration eines Pianisten.

In dieser Verbindung liegt ein Zeichen der Zeit: Die neue Generation kehrt nicht aus Tradition zu Bach zurück – sondern aus Notwendigkeit.


Warum heute wieder Bach?

Weil Bach die Musik der Beständigkeit inmitten des Wandels ist. Er beschreibt nicht die Emotion des Augenblicks.

Er schafft einen Raum, in dem der Moment klar wird.

Und genau deshalb klingen die Goldberg Variations heute nicht wie ein historisches Werk, sondern wie eine Praxis der Aufmerksamkeit.


Was hat dieses Ereignis zum Klang der Welt beigetragen?

Dass sich junge Musiker heute Johann Sebastian Bach zuwenden, wirkt wie ein Zeichen der Zeit: Selbst in einer Welt hoher Geschwindigkeit gibt die Musik dem Menschen die Fähigkeit zurück, tief zuzuhören und ganz im Moment zu sein.

Wie Bach schrieb:

„Ziel und Endzweck aller Musik ist nichts anderes als die Verherrlichung der höchsten Ordnung und die Erneuerung der menschlichen Seele.“

Und so wird jede neue Interpretation der Goldberg Variations nicht nur zu einer Auslegung der Vergangenheit – sondern zu einer Geste der Aufmerksamkeit gegenüber der Gegenwart.

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