Neustart der biologischen Uhr: Life Biosciences beginnt erste Tests mit OSK-Therapie

Bearbeitet von: Olga Samsonova

In einem Labor an der US-Ostküste blicken Wissenschaftler auf Monitore, auf denen sich Zellen, die gerade einen genetischen „Neustart“ hinter sich haben, plötzlich so verhalten, als wären sie wieder zwanzig Jahre jung. Dabei handelt es sich weder um eine bloße Fantasie noch um einen weiteren simplen Labortrick an Mäusen. Das Unternehmen Life Biosciences hat den Beginn klinischer Studien zur partiellen epigenetischen Reprogrammierung mittels der sogenannten OSK-Faktoren bekannt gegeben. Was gestern noch exklusiv in Fachkreisen der Biogerontologie diskutiert wurde, erreicht heute die Ebene der praktischen Medizin. Dabei drängt sich sogleich eine beunruhigende Frage auf: Was geschieht, wenn wir zwar lernen, das Alter einer Zelle zurückzusetzen, aber dabei die Essenz des gelebten Lebens aus den Augen verlieren?

Allem Anschein nach wurde der Zeitpunkt für diesen Schritt bewusst gewählt. Seit den bahnbrechenden Arbeiten von Shinya Yamanaka, der nachwies, dass vier Gene eine erwachsene Zelle in einen embryonalähnlichen Zustand zurückversetzen können, suchte die Wissenschaft nach einem Weg, diese Kraft ohne gefährliche Nebenwirkungen zu nutzen. Eine vollständige Reprogrammierung führte in der Vergangenheit oft zur Bildung von Teratomen – Tumoren, bei denen die Zellen jegliche Spezialisierung verlieren. Daher konzentrieren sich Forscher nun auf eine partielle Variante: die vorübergehende Aktivierung von nur drei Faktoren – Oct4, Sox2 und Klf4. In Versuchen mit alten Mäusen gelang es so, das Sehvermögen zu verbessern, Muskelfunktionen zu regenerieren und sogar die epigenetische Uhr teilweise zu verjüngen, ohne die Identität der Zellen zu gefährden. Genau diese Technologie überträgt Life Biosciences nun behutsam auf den menschlichen Organismus.

Der Einsatz ist heute extrem hoch. Den vorläufigen Daten zufolge sind die ersten Probanden Patienten mit altersbedingtem Sehverlust, der durch Glaukome oder andere degenerative Prozesse verursacht wurde. Sollte die Therapie erfolgreich sein, könnte sie die erste klinisch zugelassene Anwendung der epigenetischen Reprogrammierung markieren. Experten geben jedoch zu bedenken, dass die wissenschaftliche Beweislast derzeit noch dünn ist. Erfolge bei Nagetieren lassen sich nicht immer auf Primaten und erst recht nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen. Zudem bleibt die grundlegende Frage offen, ob der epigenetische Drift tatsächlich die Hauptursache des Alterns ist oder lediglich eine seiner Begleiterscheinungen. Das Unternehmen scheint jedoch fest auf die erste Hypothese zu setzen.

An dieser Stelle bietet sich eine simple, aber treffende Analogie an. Stellen Sie sich einen alten Plattenspieler vor, dessen Schallplatte zerkratzt und verstaubt ist. Man könnte natürlich versuchen, alle Rillen zu glätten und neue einzugravieren – doch dann würde die Musik verschwinden, die das Medium über Jahrzehnte bewahrt hat. Die partielle Reprogrammierung gleicht eher einer vorsichtigen Reinigung der Oberfläche, bei der die tieferliegende Aufnahme erhalten bleibt. Die Zelle „vergisst“ dabei bestimmte Zeitmarkierungen, behält aber ihre Identität als Neuron, Herzmuskelzelle oder Osteoblast bei. Zumindest in der Theorie soll das Verfahren so funktionieren. In der Praxis könnte die Grenze zwischen „Reinigen“ und „Überschreiben“ jedoch schmaler ausfallen, als es den Aufsichtsbehörden lieb ist.

Bemerkenswert ist, dass hinter diesem Projekt massive Investitionen und Wissenschaftler mit tadellosem Ruf stehen. Life Biosciences ist dabei keineswegs das einzige Unternehmen, das versucht, die Visionen von Yamanaka und Sinclair zu kommerzialisieren. Konkurrenten wie Altos Labs und weitere Akteure werben ebenfalls Milliardensummen ein. Wir erleben hier längst keine reine Grundlagenforschung mehr, sondern einen gewaltigen biotechnologischen Wettlauf, in dem sich wissenschaftlicher Ehrgeiz mit Investorenhunger und der gesellschaftlichen Angst vor dem Verfall vermischt. Ethische Bedenken drängen sich unweigerlich auf: Wer wird zuerst Zugang zu diesen Therapien erhalten? Wie wird sich die soziale Ungleichheit in Bezug auf die Lebenserwartung entwickeln? Und vor allem: Sind wir bereit für eine Welt, in der das Altern nicht länger ein unabwendbares Schicksal ist?

Da die klinischen Studien gerade erst anlaufen, wäre es verfrüht, von einer Revolution zu sprechen. Vorläufige Ergebnisse werden wohl in ein bis zwei Jahren vorliegen und dürften eher bescheiden ausfallen: etwa die Verbesserung spezifischer Funktionen bei einer kleinen Patientengruppe. Doch selbst ein solch vorsichtiger Schritt markiert einen Paradigmenwechsel. Wir bewegen uns weg von der bloßen Bekämpfung einzelner Alterskrankheiten hin zum Versuch, direkt in das in unseren Zellen verankerte Programm der Zeit einzugreifen. Das ist weit mehr als nur eine Behandlung. Es ist ein Verhandeln mit der Biologie in ihrer eigenen Sprache.

Letztlich zeigt die Geschichte der OSK-Therapie, wie weit wir zu gehen bereit sind, um unsere Jugendlichkeit zu bewahren. Vielleicht werden wir eines Tages tatsächlich lernen, die Seiten unseres biologischen Alters wie die Kapitel eines Buches umzublättern. Die Frage bleibt jedoch, ob wir die vorangegangenen Kapitel erneut lesen wollen oder ob wir einfach beginnen, eine völlig neue Geschichte zu schreiben – ohne jemals zurückzublicken.

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Quellen

  • Cellular Rejuvenation Has the Potential to Reverse Aging

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