Thalamus überträgt breit abgestimmte Signale an den visuellen Kortex: TUM-Studie in Science stützt das Hubel-Wiesel-Modell

Bearbeitet von: Elena HealthEnergy

Thalamus überträgt breit abgestimmte Signale an den visuellen Kortex: TUM-Studie in Science stützt das Hubel-Wiesel-Modell-1

Das Geheimnis der Wahrnehmung entdecken

Es gibt Momente in der Wissenschaft, in denen Vergangenheit und Gegenwart in einem Punkt stillen Erkennens zusammenlaufen. Eine Idee, die einst fast intuitiv geboren wurde, kehrt nach Jahrzehnten als klares, fundiertes Wissen zurück, das Form und Halt gefunden hat.

Thalamus überträgt breit abgestimmte Signale an den visuellen Kortex: TUM-Studie in Science stützt das Hubel-Wiesel-Modell-1

Thalamus und Cortex: Evolution des Sehens

Genau dies geschah in einer Studie, die am 26. März 2026 in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde. Forscher der Technischen Universität München sind zu einer der feinsten Ebenen der visuellen Wahrnehmung vorgestoßen – dorthin, wo Licht gerade erst zum Signal wird und das Signal sich anschickt, Bedeutung zu erlangen.

Sie verfolgten den Weg der visuellen Information durch den Thalamus – jene urtümliche Struktur, über die sensorische Impulse in die Großhirnrinde geleitet werden. Dabei erkannten sie ein einfaches und präzises Muster: Der Thalamus liefert das Material. Rein, beständig, verlässlich. Noch ohne zu einem Bild geordnet zu sein.

Die Signale, die den Kortex erreichen, behalten diese ursprüngliche Form bei. In ihnen gibt es noch keine Unterscheidung zwischen Vertikale und Horizontale, eine Struktur ist noch nicht erkennbar. Erst in den kortikalen Netzwerken entsteht die Orientierungsselektivität – jener Moment, in dem eine Linie eine Richtung erhält und sich das Sehfeld beginnt, zu einer Welt zusammenzufügen.

So bestätigt sich schrittweise die Kernidee des Modells von David Hubel und Torsten Wiesel: Wahrnehmung baut sich stufenweise auf, vom Einfachen zum Komplexen. Was im 20. Jahrhundert noch wie eine kühne Hypothese klang, offenbart sich heute auf der Ebene einzelner Synapsen – mit einer Präzision, von der man früher nur träumen konnte.

Um zu dieser Ebene vorzudringen, nutzten die Forscher Instrumente, die noch vor kurzem als das Äußerste des Machbaren galten. Die Zwei-Photonen-Mikroskopie ermöglichte es, die Aktivität einzelner Synapsen im lebenden Gehirn zu beobachten. Fluoreszierende Proteine machten die Signalübertragung sichtbar. Die Optogenetik erlaubte es, die Aktivität kortikaler Schaltkreise zeitweise zu verändern und so den Beitrag des Thalamus von den Prozessen zu trennen, die sich innerhalb des Kortex selbst abspielen.

Genau dieser Vergleich erwies sich als Schlüssel. Die thalamokortikalen Eingänge zeigten Stärke und Stabilität, wobei sie eine minimale Orientierungsabstimmung beibehielten. Die intrakortikalen Verbindungen hingegen zeigten Flexibilität und Plastizität: Kalziumsignale, die mit Lernen und Umstrukturierung einhergehen, traten genau hier auf. Es entsteht ein klares Bild: Der Thalamus liefert den Rohstoff, der Kortex lernt, diesen in Wahrnehmung zu verwandeln.

Daraus ergibt sich ein einfaches und tiefgreifendes Bild. Der Thalamus ist der Strom. Der Kortex ist die Wandlung. Der eine öffnet den Zugang. Der andere schafft den Raum, in dem das Bild entsteht.

An diesem Punkt beginnt die Neurobiologie über das Gehirn hinauszuweisen. Sie berührt die Zukunft der Technologie. Moderne Systeme der künstlichen Intelligenz folgen demselben Pfad – vom Rohsignal zur komplexen Erkennung. Je tiefer die Prinzipien des stufenweisen Aufbaus der Wahrnehmung entschlüsselt werden, desto deutlicher zeichnen sich die Architekturen künftiger intelligenter Systeme ab. Hier ist bereits die Ingenieurskunst spürbar – präzise, durchdacht und zugleich erstaunlich lebendig.

Das Licht tritt formlos in uns ein.
Und erst in der Tiefe lebendiger Verbindungen wird es zur Welt.

12 Ansichten

Quellen

  • Technical University of Munich (TUM)

  • Neuroscience News

Haben Sie einen Fehler oder eine Ungenauigkeit festgestellt?Wir werden Ihre Kommentare so schnell wie möglich berücksichtigen.