Auf der Milan Design Week stach zwischen den üblichen Exponaten aus Holz und Metall die Kollektion „Fluid Re-Collection“ der belgischen Designerin Linde Freya Tangelder hervor. Anstelle herkömmlicher statischer Formen begegneten die Besucher Objekten, die wie in einer Bewegung erstarrt wirkten: Stühle mit geschwungenen Beinen, die an Wasserströme erinnerten, und Tische, deren Oberflächen das Fließen von Flüssigkeit imitierten. Dabei handelt es sich nicht bloß um ein visuelles Stilmittel, sondern um den Versuch, das Konzept der Beständigkeit von Dingen grundsätzlich infrage zu stellen.
Tangelder arbeitet mit recycelten Materialien und verleiht ihnen durch spezielle Guss- und Formtechniken fließende Eigenschaften. Nach Aussage der Designerin selbst wollte sie aufzeigen, wie Produktionsabfälle ein neues Leben erhalten können, ohne dabei die „Erinnerung“ an ihren früheren Zustand zu verlieren. Dieser Ansatz steht im Kontrast zum traditionellen Industriedesign, bei dem sich das Material üblicherweise einer starren Geometrie und strengen Funktionalität unterwerfen muss.
Hinter der scheinbaren Leichtigkeit der Formen verbirgt sich ein komplexer Herstellungsprozess. Jedes Objekt erfordert mehrere Heiz- und Kühlphasen, um die gewünschte Plastizität zu erreichen, ohne an Stabilität einzubüßen. Dies erzeugt ein wirtschaftliches Spannungsfeld: Die Handarbeit und die experimentellen Materialien treiben die Selbstkosten in die Höhe, wodurch die Kollektion eher zum Galerieobjekt als zum Massenprodukt wird. Hier offenbart sich der klassische Konflikt zwischen künstlerischem Ausdruck und Marktlogik.
Besonders spannend ist, wie die „Fluid Re-Collection“ die Wahrnehmung der Nutzer beeinflusst. Setzt man sich auf einen Stuhl mit einer „fließenden“ Rückenlehne, verspürt man unweigerlich ein Gefühl der Instabilität, obwohl die Konstruktion absolut sicher ist. Dieser Kniff führt vor Augen, wie sehr wir im Alltag darauf vertrauen, dass Oberflächen starr sind, und zwingt uns, die Beziehung zu den Dingen um uns herum zu überdenken. Die Analogie ist simpel: So wie ein Fluss seinen Lauf ändert, aber ein Fluss bleibt, kann sich auch ein Gegenstand wandeln und dabei seinen Kern bewahren.
Die Kollektion thematisiert zudem das Gedächtnis der Materialien. Tangelder lässt bewusst Spuren früherer Formen zurück – feine Unebenheiten und Farbübergänge, die von der Herkunft der Rohstoffe erzählen. In einer Ära, in der Design zunehmend nach perfekter Glätte und Anonymität strebt, gibt dieser Ansatz den Dingen ihre Individualität zurück und regt zum Nachdenken über die Produktionskette an.
Letztlich zeigt die „Fluid Re-Collection“, dass die Zukunft des Designs weniger in völlig neuen Materialien als vielmehr in der Neudeutung bestehender Stoffe liegen könnte. Es ist eine Einladung, in Abfällen kein Problem, sondern eine Ressource für ständige Erneuerung zu sehen, bei der jedes Objekt seine Form verändern kann, ohne die Verbindung zur eigenen Vergangenheit zu kappen.

